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Harvey Weinstein im Manhattan Criminal Court. 

Leitartikel

Nach Urteil gegen Harvey Weinstein: „Alle sind gefragt, vor allem Männer“ 

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Das Urteil gegen Harvey Weinstein ist ein Triumph für die „MeToo“-Bewegung. Zugleich zeigt das Verfahren, wie viel sich noch ändern muss im Kampf gegen sexuelle Gewalt. Der Leitartikel. 

Von einem „historischen Urteil“ gegen Harvey Weinstein ist die Rede, von „Genugtuung“ für die „MeToo“-Bewegung und die Frauen, die Weinstein sexuelle Gewalt vorwarfen. Dass die Jury am obersten New Yorker Gericht den Hollywoodmogul in zwei Anklagepunkten für schuldig erklärt hat, ist ein Erfolg. Aber nur ein Teilerfolg.

Richtig ist: Nachdem seit 2017 mehr als 80 Frauen Weinstein sexuelle Übergriffe vorgeworfen haben, ist schon allein die Tatsache, dass es zu diesem Prozess gekommen ist, ein Gewinn. Nicht nur für die Frauen, die Weinstein demütigte, bedrängte oder vergewaltigte, sondern auch für die Millionen Menschen, die den Mut fanden, nach den ersten Enthüllungen um Weinstein unter dem Hashtag #MeToo in den sozialen Medien ihre Geschichten über sexuelle Belästigung zu teilen.

Urteil gegen Harvey Weinstein: Der verurteilte Sexualstraftäter 

Jetzt, etwas mehr als zwei Jahre danach, ist Weinstein ein verurteilter Sexualstraftäter. Die Jury befand ihn in zwei Punkten für schuldig: der Vergewaltigung in einem minderschweren Fall und der sexuellen Nötigung zweier Frauen. Auch das ist eine gute Nachricht. Das Strafmaß soll im März verkündet werden, dem 67-Jährigen drohen bis 29 Jahre Haft.

Vom Vorwurf der schweren Vergewaltigung sowie „raubtierhafter sexueller Angriffe“ wurde er dagegen freigesprochen – auch weil die Geschworenen skeptisch waren, was die Aussage einer Zeugin anging. Die Schauspielerin Annabella Sciorra berichtete von einer Vergewaltigung vor 30 Jahren. 

Harvey Weinstein: Aussage gegen Aussage

Sie fing an zu weinen, als sie der Jury beschrieb, wie Weinstein sie in den 90er Jahren in ihrer Wohnung in ihr Schlafzimmer gedrängt und sie vergewaltigt habe. Die Jury hatte Zweifel an der Aussage Sciorras und glaubte ihr nicht einstimmig. Am Ende scheiterte eine Verurteilung in diesem Punkt auch daran, dass es nicht genug Zeuginnen gab, deren Geschichten ausreichend glaubwürdig waren.

Und so symbolisiert der Prozess gegen Harvey Weinstein ein Grundproblem: Wo es um sexuelle Gewalt geht, steht in der Regel Wort gegen Wort, Aussage gegen Aussage. Das kann sowohl für Betroffene als auch für mutmaßliche Täter folgenreich sein: Wird im Zweifelsfall für den Angeklagten geurteilt, ist das für Betroffene niederschmetternd – der Ruf und das Leben des Angeklagten können trotzdem ruiniert sein. Natürlich muss auch bei Sexualverbrechen die Unschuldsvermutung für alle gelten, und es muss heißen: im Zweifel für den Angeklagten. Beides sind zentrale Aspekte eines funktionierenden Rechtsstaats, die nicht ausgehebelt werden dürfen.

Harvey Weinstein: Urteil gegen ihn ist nur ein Teilerfolg 

Gleichzeitig darf das aber nicht heißen, dass im Fall sexueller Übergriffe letztlich das Recht des Stärkeren überwiegt. Es darf nicht sein, dass die Situation, in die sexuell übergriffige Menschen die Betroffenen bringen, sie am Ende auch noch schützt – nur weil keine anderen Menschen anwesend sind, es damit keine Zeugen und oft wenig Hinweise gibt und deswegen Aussage gegen Aussage steht. Das ist nicht nur für die Betroffenen enttäuschend, die sich nicht ernst genommen fühlen. Im schlimmsten Fall hält das weitere Betroffene davon ab, das ihnen Widerfahrene anzuzeigen. Ein Teufelskreis.

Das Dilemma Aussage gegen Aussage lässt sich nicht auflösen. Ein Ausweg kann daher nur ein Kulturwandel, ein proaktiverer Umgang mit sexueller Gewalt sein. Patriarchalische Strukturen, die die vielen Geschichten hinter #MeToo ermöglichen, müssen aufgebrochen werden.

Der Weg dahin ist nicht so steinig. Jede und jeder ist hier in der Verantwortung. Menschen in Führungspositionen – nach wie vor meist Männern – muss klar sein, dass diese Macht Grenzen hat. Machtgefälle dürfen es Menschen nicht ermöglichen, sich andere sexuell gefügig zu machen.

Urteil gegen Harvey Weinstein: Es lohnt sich, aufzustehen 

Ansätze gibt es genug, zumindest was den Berufsalltag angeht: Unternehmen können Beschwerdestellen einrichten, Dienstvereinbarungen treffen und sich verpflichten, Vorwürfe ernsthaft und gründlich zu prüfen.

Ein anderer Umgang mit sexueller Gewalt wiederum hilft Betroffenen und ermutigt sie, sich zu Wort zu melden, von ihren Erfahrungen zu berichten, sich zu wehren. In Deutschland passiert genau das (noch) nicht. Nur ein Bruchteil der sexuellen Übergriffe wird angezeigt, von denen wiederum nur ein Bruchteil mit einer Verurteilung endet. Daran hat auch die Reform des Sexualstrafrechts Ende 2016 nicht viel geändert, nach der nicht mehr entscheidend ist, dass ein Täter Gewalt angewendet hat, sondern dass er sich über den Willen des Betroffenen hinweggesetzt hat („Nein heißt nein“).

So deutlich das Weinstein-Urteil das Grundproblem von Aussage gegen Aussage symbolisiert, so deutlich zeigt es auch: Es lohnt sich mutig zu sein. Selbst wenn es nur für einen Teilerfolg reicht, lohnt es sich weiter aufzustehen, sich zu Wort zu melden und Übergriffe anzuprangern. Das befördert den Kulturwandel. Hier sind wir alle gefragt – vor allem Männer.

Von Ruth Herberg 

Der Schuldspruch für Harvey Weinstein ist ein großartiges Zeichen. Aber solange Männer nicht einsehen, dass es bei sexuellen Übergriffen keine Grauzonen gibt, gibt es in der Debatte noch viel zu tun. Ein Kommentar.

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