Schildkröten

Harte Schale, schmackhafter Kern

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Ihr Panzer schützte Schildkröten seit Jahrmillionen, doch hilft er nicht gegen Menschen. Mit Scharnier am Bauch wurden sie sogar zum Zootier des Jahres. Die Kolumne.

Katzenhalter und Hundebesitzer merken es in diesen Tagen bereits. Die kühle Jahreszeit kommt unaufhaltsam und ihre tierischen Lieblinge beginnen, ein Winterfell anzulegen. Das hält schön warm, während Frauchen oder Herrchen die Wintergarderobe auspacken müssen.

Zwar können auch die, welche von ihren Haustieren gern als Dosenöffner oder Anhängsel am anderen Ende der Leine wahrgenommen werden, ein dickes Fell entwickeln. Das entsteht bekanntermaßen unabhängig von Jahreszeiten und wärmt nicht, schützt aber vor mancher Aufgeregtheit. Es macht allerdings mitunter etwas unempfänglich für einiges, was mehr Aufmerksamkeit verdiente.

Ganz ohne wärmendes Fell kommen die Schildkröten aus. Sie leben einfach nicht in kalten Regionen, wo sie einen Pelz bräuchten. Umso artenreicher sind sie in den warmen Gefilden verbreitet. Dort besiedeln sie in mehr als 300 Arten alle möglichen Lebensräume wie Sümpfe, Flüsse, Seen, das Meer, Wüsten, Wälder und Offenlandschaften. Und wenn es in ihrem Lebensraum zu heiß wird, verkriechen sich manche Arten zum Sommerschlaf. Seit über 200 Millionen Jahren bevölkern Schildkröten die Erde, bestens geschützt durch ihren Knochenpanzer.

Waggonweise wurden Arten aus Südeuropa noch vor wenigen Jahrzehnten ins gast- und schildkrötenfreundliche Deutschland verschickt, wo sie auf zugigen Balkonen ihr Leben bei Tomate und Grünzeug fristeten, aus Gärten entwichen, nicht mehr aus dem Winterschlaf erwachten, jedenfalls in Massen starben. Diese schlimmen Zeiten sind dank besserer Artenschutzgesetze und Kontrollen vorbei. Aber leider nur bei uns.

In Asien werden Schildkröten nach wie vor in Riesenmengen gehandelt. Speziell abgerichtete Hunde erschnüffeln in Vietnam und seinen Nachbarländern auch noch das letzte Individuum. Die meisten werden als Lebensmittel nach China verfrachtet. Da ist es praktisch, dass sie von der Natur in einer robusten Verpackung geliefert werden. Tiere mit Fell, ohne harte Schale, würden nicht einmal den Transport überstehen.

Besonders die asiatischen Arten werden so immer seltener und viele sind schon am Rand der Ausrottung. Das hat einen interessanten Nebeneffekt. Sammler zahlen tausende von Euro für Exemplare selten gewordener Arten. Damit heizen sie den weltweiten illegalen Handel zusätzlich an. Kaum eine Tiergruppe – neben den Singvögeln – ist so beliebt in Menschenhand wie die Schildkröten.

Gegen diesen Raubbau kann kein Panzer schützen. Manche Arten können ihn sogar zuklappen. Dazu haben sie ein Scharnier im Bauchpanzer und sind dann fast so dicht wie eine Dose, was hervorragend gegen natürliche Gefahren schützt, nicht aber gegen den Hauptfeind Mensch.

Die besonders gefährdeten asiatischen Scharnierschildkröten (nun ist auch klar, woher der Name kommt) wurden von Zoos und Artenschutzverbänden zum Zootier des Jahres 2018 gewählt. Es ist einer der vielen Versuche, die Blicke der Öffentlichkeit auf gefährdete Tiere zu lenken. Das geschieht im jährlichen Wechsel: Fell, Feder, Schuppe, Leopard, Kakadu, jetzt also Schildkröte. Dank der großen Auswahl an bedrohten Arten wird es keine Schwierigkeit bereiten, auch für 2019 wieder ein würdiges Zootier des Jahres zu finden. Egal welche Körperbedeckung es hat, sollten wir uns da kein dickes Fell zulegen sondern gespannt aufpassen, wer es wird und warum.

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