Kolumne

Happy Kräutertee

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Das neue Jahr hat schon lecker angefangen, und auch sonst wird wahrscheinlich alles super. Sogar der Flughafen in Berlin.

Zweitausendneunzehn ist auch nur ein Jahr von vielen Jahren, trotzdem hängt miese Stimmung über dem Land wie dichter Nebel. Sogar bei mir, musste ich feststellen, als ich zwischen den Jahren meine Kolumnen der letzten Monate las. Was ich sah, war ein Mann, der haderte und zeterte, der sich lustig über andere machte und immer ein Haar in der Suppe fand. Das muss anders werden, beschloss ich: Mehr Mut zur Zukunft! Frisch ans Werk gehen! Der Himmel ist blau, die Luft ist frisch, 2019 wird das Jahr der frohen Kolumne.

Ab jetzt werde ich nur noch absolut positive Texte schreiben. Das Gute im Menschen feiern. Letztes Jahr hätte ich noch gesagt, damit sei der Text schon vorbei, denn was gibt es schon Gutes zu feiern? Aber die Schwarzmalerei ist Geschichte, war nur eine Station auf dem Weg zum absoluten Frohsinn, den ich bis Dezember erreichen werde. Der neue Modus lautet: Happy, happy.

Dabei liege ich gerade im Krankenhaus. Gleich kommt die nächste Ladung Schonkost. Sylvester habe ich gefeiert mit ein paar schönen Infusionen und zu Neujahr die Sau rausgelassen mit frisch gebrühtem Kräutertee. Ein Traum!

Herrlich war auch schon 2018, wenn ich es richtig betrachte. Das Jahr hatte sogar überraschende Pluspunkte auf der Sonnenscheinskala. Die Berliner Bürgerämter zum Beispiel werden oft gescholten. Die ganze Republik macht sich über sie lustig wegen langer Wartezeiten, muffeliger Behandlung und offen zur Schau gestellter Abscheu vor der Aufgabe, für die man bezahlt wird. Aber als ich im Oktober meinen Reisepass verlängern wollte, rief ich bei der Hotline an und wartete nicht zwanzig Sekunden oder drei Minuten oder eine halbe Stunde, sondern exakt fünf Sekunden.

Ich war so überrascht, dass mir fast der Hörer aus der Hand fiel. Die Dame am anderen Ende fragte freundlich, ob ich einen Termin haben wolle. Ich sagte ja und stellte mich auf Januar oder Februar ein. Sie aber fragte: Heute oder morgen? Zwei Stunden später war der Antrag gestellt, einen Monat später war der Pass da. Danke, Berlin! Ich sage „Ja“ zu meinem Steuerbescheid.

Freudetrunken taumelte ich aus dem Amt und in die Arme der Stadt, bis mir der Flughafen einfiel. Der BER vermasselt die schönsten Stunden. Wer je in Istanbul oder Nairobi oder Genua war und zugegeben hat, aus Berlin zu kommen, wird nie das schelmische Grinsen vergessen, mit dem hundert Jahre deutsche Ingenieurskunst weggefegt werden mit der Frage: „How is your airport?“

Aber kurz vor Weihnachten lief ich durch die Innenstadt von Frankfurt, wo sie eine neue Altstadt gebaut haben, die gar keine Altstadt ist, sondern nur so tut, als wäre sie es – und alle glauben so hartnäckig daran wie sonst nur Jesuiten an die Jungfrauengeburt. Seitdem denke ich mir: Lieber ein Flughafen, der nicht fertig wird, als eine Altstadt, die es gar nicht gibt. So geht happy!

Überhaupt sehe ich in meinen derzeit wilden, von Medikamenten gesteuerten Träumen gar keine Flughafen-Baustelle vor den Toren Berlins, sondern ein geheimes Hochsicherheitsgefängnis für Außerirdische, die den Planeten vernichten wollen, bewacht von einem Top-Secret-UN-Kommando. Seitdem habe ich keinen Zweifel mehr: Wer am Flughafen arbeitet, ist ein Held, der uns vor Schlimmerem bewahrt, und die Baustelle unser ganzer Stolz.

Macht weiter so, Jungs. 2019 wird klasse! Aber vorher ist Visite.

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