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Studenten demonstrieren im April 2013 gegen zu teure und schlechte Bildung in Santiago.
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Studenten demonstrieren im April 2013 gegen zu teure und schlechte Bildung in Santiago.

Kolumne

Hans singt Hanns in Santiago

  • Anetta Kahane
    VonAnetta Kahane
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Hans Stein floh als Jude aus Prag nach Chile, später als Kommunist vor Pinochet in die DDR. Endgültig geheilt vom Sozialismus kehrt er schließlich nach Santiago zurück. Heute ist Santiago eine boomende und lebendige Großstadt, auch wenn fast jeden Tag Studenten demonstrieren.

Bei seinem böhmisch gedehnten Akzent weiß man nie, wann Hans Stein einen Scherz macht, denn fast alles was er sagt, klingt witzig und selbstironisch. Er steht neben seiner Frau Choly, deren Hand er liebevoll streichelt. Beide lauschen Liedern von Eisler und Brecht, die Hans Stein vor einigen Jahren aufgenommen hat. Und während Choly wehmütig mitsummt, sagt Hans spöttisch: „Hans singt Hanns“. Seine Interpretation von Hanns Eisler ist sanfter, moderner und musikalischer als das agitprop-artige Stakkato von Ernst Busch. Im Wohnzimmer der Steins bleibt für einen Moment die Zeit stehen, während die Strahlen der Herbstsonne den Staub glitzern lassen. Doch es liegt kein bisschen Nostalgie in der Luft, nur der Smog von Santiago und die Erinnerung an vielfaches Exil. Als Jude floh Hans aus Prag vor den Deutschen nach Chile. Später – auf einer Reise – sah er mit an, wie der Prager Frühling von sowjetischen Panzern überrollt wurde. Dennoch flohen er und Choly als Kommunisten vor Pinochet in die DDR ins Exil, und endgültig geheilt vom Sozialismus kehrten die beiden schließlich nach Santiago zurück. Hanns Eisler aber hat das alles überstanden, sagt Hans in seinem breiten Prager Singsang.

Boomende und lebendige Großstadt

Am 11. September des Jahres 1973 ließ General Pinochet den Präsidentenpalast La Moneda mitten im Zentrum von Santiago de Chile bombardieren. Der linke Präsident Salvador Allende kam dabei ums Leben, und Tausende wurden verhaftet, gefoltert, ermordet. Das ist nun 40 Jahre her. Die Diktatur des Militärs unter Pinochet übernahm die Macht und veränderte das Land mit menschlicher und wirtschaftlicher Gewalt. Im selben Jahr als in Berlin die Mauer fiel, führte ein Volksentscheid in Chile auch dort die Wende herbei: Pinochets Herrschaft war zu Ende und freie Wahlen entscheiden seither wieder über die Politik des Landes. Die linke Regierung Allendes und der rechte Putsch Pinochets gehörten zu den Dramen des Kalten Krieges mit all seinen Hoffnungen, Tragödien und Ideologien.

Und obwohl hier fast jeden Tag Studentendemos gegen zu teure und zu schlechte Bildung stattfinden, erinnert wenig an jene Jahre. Santiago ist eine boomende und lebendige Großstadt – an manchen Ecken sieht sie aus wie Manhattan, an anderen blättert ihre alte Pracht. Chile erlebt eine Art Wirtschaftswunder. Doch die Moderne, so sagte mir ein chilenischer Schriftsteller, sei nur eine andere Fassade der Unterentwicklung. Denn der rasante Kapitalismus sorge dafür, dass hier die Bibliotheken bereits geschlossen werden, bevor sie überhaupt existierten. Dennoch: es gibt kaum noch Arbeitslosigkeit, Analphabetismus und die brutale Armut eines klassischen „Dritte-Welt-Landes“. In den Kulturzentren zeigen Künstler eine neue, alternative Innerlichkeit mit Referenzen an die indigenen Traditionen im Lande oder den pragmatischen Realismus der neuen Linken, während der Dichter Pablo Neruda zu einer Touristenattraktion geworden ist. Und was wurde aus den Sängern der chilenischen Revolution? „Wenn du linke Andenflöten hören willst, musst du nach Berlin fahren“ sagt Hans Stein. Er sagt es fast stolz und ganz ohne Bitterkeit, dafür aber mit einem lakonischen Grinsen. Denn Chile findet gerade erst seinen Weg durch die Erinnerung seiner Geschichte, die schon lange vor dem 11. September begonnen hatte.

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