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Handwerker dringend gesucht

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Von: Stefan Körzell

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Wärmepumpe an einem Haus in Tettnang: Die Alternativen sind längst da, technisch ausgereift und erprobt.
Für einen klimaneutralen Gebäudesektor – für den die Installation von Wärmepumpen nur ein Baustein ist – fehlen Hunderttausende Fachkräfte.  © Imago

Für die Klimawende braucht es Fachkräfte. Dafür kursieren abenteuerliche Ideen. Dabei wären Tarifverträge das A und O. Der Gastbeitrag.

Plötzlich muss es schnell gehen. Seit Beginn des Ukraine-Kriegs im Februar 2022 schnellen die Energiepreise in die Höhe, die Gaspreise explodieren. Neben der klimabedingten Notwendigkeit, endlich Alternativen anzupacken, ist es plötzlich eine Frage von Warmwasser, ja oder nein. Der Druck steigt, Alternativen zum Heizen mit Gas zu finden – beispielsweise mit einem massiven Ausbau von Wärmepumpen.

Dabei gibt es allerdings ein Problem. Für einen klimaneutralen Gebäudesektor – für den die Installation von Wärmepumpen nur ein Baustein ist – fehlen Hunderttausende Fachkräfte. Das war absehbar. Passiert ist wenig.

Die Verzweiflung ist derweil groß. Bei der Internationalen Handwerksmesse Anfang Juli verlangten Vertreter:innen der Handwerksverbände nicht nur eine Bildungswende. Sie forderten auch die jungen Protestierenden von „Fridays for Future“ auf, einen Ausbildungsvertrag im Handwerk abzuschließen, um die Klimawende zu gestalten: „Demonstrieren ist gut, installieren ist besser“, ließ Handwerkspräsident Hans Peter Wollseifer die jüngere Generation wissen.

Den Handwerksvertreter:innen geht es um eine stärkere Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Ausbildung. Die soll sich auch in der Ausstattung der Berufsschulen, Bildungszentren, beim Azubi-Wohnen oder beim Azubi-Ticket niederschlagen. Das alles schadet nicht. Um aber gut ausgebildete Fachkräfte zu finden und im Beruf zu halten, muss das Handwerk bei sich selbst anfangen.

Der Gebäudesektor muss ganzheitlich betrachtet werden. Mit dem Einbau von Wärmepumpen allein können die Effizienzziele im Gebäudesektor nämlich nicht erreicht werden. Zudem: Ein schneller Wärmepumpenhochlauf setzt energieeffiziente Gebäude voraus.

Der massenhafte Einbau von Wärmepumpen ist deshalb keine kurzfristige Alternative zur Wärmegewinnung aus Gas. Aber die Weichen müssen dafür jetzt wenigstens gestellt werden.

Bei den Wärmepumpenherstellern kursieren abenteuerliche Ideen, wie Arbeitskräfte für die Installation von Wärmepumpen qualifiziert werden sollen: zum Beispiel in Schnellkursen für möglichst viele Teilnehmer:innen. Eine auf drei Jahre angelegte Ausbildung auf einen Crashkurs mit Massenabfertigung zu reduzieren, macht handwerkliche Berufe unattraktiv. Es ist die drei- oder sogar dreieinhalbjährige duale Ausbildung, die eine Arbeitskraft zur Fachkraft macht.

Die Effizienzziele können nur erreicht werden, wenn gut qualifizierte Fachkräfte Wärmepumpen einbauen, Solarpaneele und Wärmedämmungssysteme installieren, einstellen und regelmäßig fachgerecht warten. Die bereits vorhandenen und ausgebildeten Fachkräfte im Handwerk zu halten oder sie mit guten Arbeitsbedingungen und guter Bezahlung für das Handwerk zurückzugewinnen, ist deshalb eine weitere wesentliche Aufgabe. Diese Fachkräfte brauchen im Zweifel nur eine Qualifizierung, die sie beispielsweise bei der Heiztechnik auf den neuesten Stand bringt.

Nicht zuletzt sind es die Arbeitsbedingungen und die Bezahlung, die bei der Entscheidung für oder gegen den Weg ins Handwerk maßgeblich sind. Eine Zustandsbeschreibung verrät da viel über die Zukunft. 60 Prozent der im Handwerk ausgebildeten Fachkräfte verlassen die Branche schnell wieder und gehen in die Industrie, den öffentlichen Dienst oder zur Bahn. Mit ihrer Qualifikation verdienen sie woanders mehr – mit der Aussicht auf mehr Rente, kürzere Arbeitszeiten und höhere Chancen auf Weiterbildungen.

Wer ist denn schon bereit, sich für die Energiewende zum Märtyrer im Handwerk zu machen, wenn anderswo bessere Bedingungen locken? Dagegen helfen nur Tarifverträge. Derzeit arbeiten gerade noch 30 Prozent der Beschäftigten im Handwerk unter dem Schutz eines Tarifvertrags. Damit setzt die Branche ihre Zukunft aufs Spiel. Die Sozialkassen der Bauwirtschaft (Soka Bau) fragte Beschäftigte, die das Bauhandwerk verlassen haben, ob sie sich vorstellen könnten, zurückzukehren. 43 Prozent der Befragten bejahten das. Zugleich schränkten sie ein, dass die Rahmenbedingungen stimmen müssen. Hier wurden als wichtige Einflussfaktoren ein sicherer Arbeitsplatz, ein gutes Gehalt, eine zusätzliche Rente, Zeit für Freund:innen und Partner:innen, regelmäßige Weiterbildungsmöglichkeiten und gute Aufstiegschancen genannt.

Tarifverträge sind das A und O, wenn es darum geht, als Arbeitgeber attraktiv zu sein. Sie schaffen die Voraussetzungen dafür, dass Fachkräfte kommen und bleiben. Das hilft der Branche und dem Klima.

Stefan Körzell ist Mitglied des Geschäftsführenden Bundesvorstands des Deutschen Gewerkschaftsbundes und dort für das Handwerk zuständig.

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