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Der ehemalige Krankenpfleger Niels H. muss sich wegen mehrfachen Mordes und Mordversuchs vor dem Oldenburger Landgericht verantworten.
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Der ehemalige Krankenpfleger Niels H. muss sich wegen mehrfachen Mordes und Mordversuchs vor dem Oldenburger Landgericht verantworten.

Fall Niels H

„Es handelt sich um keinen Einzelfall“

  • Christian Bommarius
    VonChristian Bommarius
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Der Fall Niels H. zeigt: Klinische Leichenschauen sind in Deutschland rar. Weil die Kosten dafür niemand tragen will, bezahlen die Patienten von Fall zu Fall mit ihrem Leben.

Vor zehn Jahren verurteilte das Landgericht Kempten einen 28 Jahre alten Krankenpfleger wegen Mordes und Totschlags an 28 Patienten zu einer lebenslangen Freiheitstrafe. Als Konsequenz aus dem bis dahin größten Fall von Serientötungen in der deutschen Nachkriegsgeschichte forderte die Deutsche Hospiz Stiftung die Einführung bundesweit einheitlicher amtsärztlicher Leichenschauen: „Man muss davon ausgehen, dass es nicht der berühmte Einzelfall ist.“ In diesen Tagen steht ein bereits wegen zweifachen Mordes bereits zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilter 39 alter Pfleger unter Verdacht, für mindestens 33 Todesfälle auf von ihm betreuten Krankenhausstationen verantwortlich zu sein. Wie vor zehn Jahren die Deutsche Hospiz Stiftung betont im nunmehr größten Fall von Serientötungen in der deutschen Nachkriegsgeschichte die niedersächsische Sozialministerin, es handele sich um keinen Einzelfall, vielmehr würden in den Taten „Strukturprobleme“ sichtbar, die nun „nach und nach behoben“ würden. Gleichlautende Erklärungen sind nach dem Bekanntwerden der nächsten größten Mordserie der deutschen Nachkriegsgeschichte zu erwarten.

Beunruhigend ist weniger, dass solche Verbrechen in Krankenhäusern geschehen – sie sind der ideale Tatort –, Anlass zur Besorgnis sollte aber die regelmäßige Mitteilung geben, die Taten seien keineswegs dank des aufmerksamen Personals aufgedeckt worden oder auf Grund interner Sicherungsvorkehrungen, vielmehr handele es sich um Zufallsfunde. Das bedeutet: Wird die Tat nicht gerade unter den Augen von Kollegen begangen oder überführt sich der Täter nicht selbst durch einen verhängnisvollen Fehler, wird kein Polizist, kein Staatsanwalt, kein Richter jemals davon erfahren. Im jüngsten Fall hatte die Klinikleitung auf ihren Verdacht gegen den Pfleger offenbar nicht mit der Einschaltung der Polizei reagiert, sondern den Mordverdächtigen mit einem guten Zeugnis weggelobt.

Bis heute ist das Dunkelfeld bei Patiententötungen in Deutschland nicht vermessen worden. Aber der Psychologe und erfahrene Gerichtsgutachter Herbert Maisch befand vor Jahren unter Berufung auf zwei Umfragen unter australischem und US-amerikanischem Pflegepersonal, wonach 20 Prozent der Pflegekräfte mindestens einmal in ihrer Laufbahn verbotene, aktive Sterbehilfe geleistet haben: „Ein Blick auf die Befunde zur Häufigkeit, mit der die Schwestern zur tödlichen Spritze griffen, zerstört jede selbstberuhigende Vorstellung vom Ausmaß, in dem sie allein, eigenmächtig oder zusammen mit Ärzten tätig waren.“

Es wäre übertrieben, Maischs fundiertes 430-Seiten-Werk „Patiententötungen – Dem Sterben nachgeholfen“ als bahnbrechend zu bezeichnen. Seit seinem Erscheinen vor fast 20 Jahren hat sich zwar herumgesprochen, dass in Krankenhäusern nicht nur therapiert und natürlich gestorben wird. der Verdacht, in diesen Todeszentralen – mehr als 600 000 Menschen sterben jedes Jahr in deutschen Krankenhäusern – werde nicht ausschließlich nach dem Walten der Natur, sondern immer wieder nach dem Willen eines Arztes oder einer Pflegekraft gestorben, ist offenbar zu nahe liegend, um ernsthaft erwogen zu werden. Aber weder die Ursachen des Dunkelfelds noch seine Größe scheinen Politik oder Öffentlichkeit zu beunruhigen. Die Ursachen des Dunkelfelds hat Maisch präzise benannt: „Die Unauffälligkeit von Tötungshandlungen im Rahmen therapeutischer Maßnahmen; der nicht ungewöhnliche, weil häufig erwartete Tod der betagten Patienten; die Täter(innen), denen keine tödlichen Handlungen zugetraut werden; und schließlich die Aufdeckungsbarrieren, jene internen sozialen und psychologischen Hindernisse in Krankenhäusern und Heimen, die eine rechtzeitige rationale Aufklärung bestehender Verdachtsmomente verhindern können.“

Wenn schon nicht seine Ursachen, dann sollte wenigstens das Dunkelfeld selbst das verschärfte Interesse der Kriminalpolitik finden. Jedenfalls hat noch kein Rechtspolitiker behauptet, der Staat erkläre den Schutz des Lebens seiner Bürger für beendet, wenn sie hochbetagt oder schwer krank ein Hospital betreten. Allerdings ist die Behauptung offenbar entbehrlich, weil jeder weiß, dass es so ist. Wann das Recht auf das Leben endet, bestimmt im Einzelfall ein Arzt oder eine Pflegekraft. Noch einmal Maisch: „Weshalb die Aufklärung des Dunkelfelds so wichtig ist, lässt sich leicht erklären: Sie ist für Maßnahmen der inneren Sicherheit eines Landes, somit für die Sicherheit eines jeden Bürgers ebenso von Bedeutung wie für spezielle Präventivmaßnahmen in den verschiedenen Deliktbereichen.“

Aber klinische Leichenschauen sind und bleiben in Deutschland eine Rarität. Dieses „Strukturproblem“ ließe sich ganz leicht beheben. Weil die Kosten dafür jedoch niemand tragen will, bezahlen die Patienten von Fall zu Fall mit ihrem Leben.

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