Nach Schüssen in Hanau
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Der mutmaßliche Täter von Hanau war aktives Mitglied im Schützenverein Diana in Bergen-Enkheim.

Kolumne von Michael Herl

Nach dem Anschlag von Hanau: Warum werden Schützenvereine nicht rigoros verboten? 

  • Michael Herl
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Warum schießen Menschen? Für Michael Herl eine Frage ohne Antwort. Seine Kolumne zum Anschlag in Hanau. 

Eigentlich ist das Rezept ganz einfach. Man nehme ein hochkompliziertes Thema, am besten ein seit Jahren kontrovers diskutiertes und dadurch immer verworrener gewordenes. Damit setzte man sich in eine ruhige Ecke, entferne es gedanklich von dem ganzen Aufheben, breche es so herunter auf das Wesentliche und drücke das dann in einem einfachen, kurzen Satz aus.

Im heutigen Fall lautet dieser Satz: Warum soll Herr Müller bewaffnet sein? Herr Müller ist weder Jäger noch Polizist, auch kein Personenschützer oder Geheimagent, sondern Lagerist in einem Großhandel für Friseurbedarf. Sein Hobby aber ist die Sportschießerei. Er hat deswegen den großen Waffenschein und besitzt mehrere Waffen verschiedenster Kaliber nebst dazugehöriger Munition. Ich persönlich stelle mir nun die Frage: Warum schießt Herr Müller und ich nicht?

Schützenvereine: Warum dürfen die das? 

Beim fiktiven Herrn Müller weiß ich das nicht. Bei mir schon. Schuld daran ist mein Vater. Er, Jahrgang 1933, war kein Täter, kam kraft der Gnade später Geburt über die Hitlerjugend nicht hinaus. Die letzten Kriegsjahre überlebte er zitternd im Luftschutzkeller.

Vierzehn Jahre später kam ich zur Welt. Ich weiß nicht, wann er damit anfing, doch ich weiß, dass er mir schon sehr früh sehr eindringlich erzählte, dass Waffen fürchterlich sind. „Es gibt keine guten Waffen“, sagte er immer. Er muss das sehr überzeugend getan haben. An Pfeil und Bogen, Zwillen, Spielzeugpistolen und Plastikpanzern verlor ich nämlich schnell die Lust, auf das Luftpistolenballern der Klassenkameraden hatte ich keinen Bock, ich fand es genauso widerwärtig wie Schwanzvergleich und Weitpissen.

Mädchen konnte ich auch ohne eine auf dem Rummel geschossene Blume von mir begeistern, und einschlägige Computerspiele gab es noch nicht, hätten mich aber sicherlich auch nicht interessiert.

Auch an die Bundeswehr dachte ich keine einzige Sekunde in meinem Leben. Die „Gewissensprüfung“ zur „Kriegsdienstverweigerung“ bestand ich vollkommen ohne die sonst übliche Vorbereitung, sondern nur mit dem Satz „Ich werde nicht schießen“ und mit der Ankündigung, im Falle einer Ablehnung ins Gefängnis zu gehen.

News-Ticker zu Hanau: Zu der zentralen Trauerfeier nach dem Anschlag in Hanau wird Kanzlerin Angela Merkel erwartet. Diese könnte in der kommenden Woche stattfinden.

Warum schießen Menschen? 

Fortan war ich staatlich anerkannter „Drückeberger“, wie Zivildienstleistende damals genannt wurden, und pulte im Rettungsdienst zerfetzte Unfallopfer aus dem Straßengraben, während die Nicht-Drückeberger biersaufend und waffenputzend auf ihren Wachstuben herumlümmelten – und ich war stolz darauf.

So schlug ich mich bis heute durchs Leben, ohne auch nur einen einzigen Schuss abgegeben zu haben. Und ich bin mir ziemlich sicher, dies auch bis zum Ende so beizubehalten. Und obwohl ich ein toleranter Mensch bin, stelle mir nicht erst seit den jüngsten Ereignissen in Halle und Hanau die Frage: Warum schießen Menschen? Was ist daran so befriedigend, Geräte zu betätigen, die zur Vernichtung von Leben konstruiert wurde? Was ist da der Kitzel? Und wo der Spaß?

Und obwohl ich allen und jedem ihre Geselligkeit gönne, muss ich fragen: Wieso ist das erlaubt? Warum werden Schützenvereine nicht rigoros verboten? Wegen ihrer Traditionspflege? Entschuldigung, aber bei den Stichwörtern „Deutschland“, „Waffen“ und „Tradition“ steigen beim besten Willen keine wohligen Gedanken in mir auf.

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