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Til Schweiger setzt sich für Flüchtlinge ein.
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Til Schweiger setzt sich für Flüchtlinge ein.

Til Schweiger

Haltung beziehen ist besser als Schweigen

  • Volker Heise
    VonVolker Heise
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Vielen ist einer, der eine klare Haltung einnimmt, ein Graus. Sie warten lieber ab, analog zu Angela Merkels Politikstil, die immer erst einmal Tee trinkt. Die Kolumne.

Das waren wieder anstrengende Wochen. Wahrscheinlich fing es mit dem jungen Mann an, der auf dich zugestürzt kam mit ausgestrecktem Zeigefinger und dich mit den Worten anbrüllte: Sie gehören zur Zielgruppe! Na klar, hast du gedacht, noch so ein Witzbold, der dich einsortieren will: als zukünftigen Silver-Surfer, als herzloses Element eines hedonistischen Submilieus oder als weißen Hetero mit einem Kredit am Hals, der ihn auf den Boden des Atlantiks zieht. Dabei siehst du dich ganz anders. Nicht als Zielgruppe, sondern als Individuum, das seinen eigenen Weg geht und sich von niemandem reinreden lässt – was wahrscheinlich aber die höchste Form des Selbstbetrugs darstellt: zu glauben, man sei unabhängig, habe das eigene Schicksal in der Hand und könne es kneten wie nassen Ton.

Ab 49 bist du wenigstens nicht mehr Teil der werberelevanten Zielgruppe des Fernsehens, sondern ein Silver-Glotzer, der besser ins Kino gehen sollte. Dort triffst du meistens andere Silberhaarige, die sich Woody-Allen-Filme ansehen oder das neue Werk der Coen-Brüder oder die Komödie von Peter Bogdanovic, die Broadway-Therapy heißt und vom Kritiker des Deutschlandfunks verrissen wurde.

Der Kritiker hatte eine dieser nölenden Stimmen, deren Klang schon verriet, dass ihm wieder nicht der Film geboten wurde, den er gemacht hätte, wenn er denn Filme drehen könnte, was ihm leider nicht gegeben ist. Die Dialoge des Films, sagte er, seien hervorragend, die Schauspieler auch, die Geschichte gut erzählt, aber leider-leider-leider würde es um nichts gehen, was im deutschen Kulturraum die Höchststrafe ist: wenn du lachst und Spaß hast und dich amüsierst und es einfach um nichts geht. Da kann doch was nicht stimmen, denkst du gleich, da will dir einer was andrehen.

Wie Til Schweiger, der wahrscheinlich weder Goethe noch Schiller liest, bevor er einen Film macht, dessen Filme aber handwerklich gut umgesetzt und solide sind und die vor allem eines haben, was keine deutsche Zielgruppe leiden kann, solange sie es nicht auch hat: Erfolg. Und darum glaubst du ihm auch nicht, dass er einfach nur so für die Flüchtlinge ist.

Da kann Schweiger dieser Tage noch so oft der einzige prominente deutsche Künstler sein, der sein Gesicht in die Kamera hält und mit seiner Person Haltung bezieht und seine Stimme erhebt wie einst Günter Grass – du glaubst ihm einfach nicht.

Du fragst ihn in Talk-Shows, ob er nicht einfach nur Werbung für sich machen will; du lässt Hörer bei dir anrufen und über die Frage debattieren, ob Schweiger sich nur in den Vordergrund drängelt; du beschwerst dich über seine Schimpfworte und seine Wortwahl; kurz: Während auf der einen Seite Flüchtlingsheime angezündet werden, debattierst du auf der anderen Seite darüber, wer den Feuerlöscher halten darf und wer nicht.

Das ist natürlich ziemlich crazy, passt aber in den allgemeinen Opportunismus einer kulturellen Landschaft, in der Angela Merkels Politikstil eher Symptom als Ursache ist: abwarten und so lange Tee trinken, bis man weiß, woher der Wind weht. Wer da zu früh eine Haltung hat, fällt nur dumm auf und bekommt einen über die Rübe wie das Krokodil im Kasperletheater. Doch es gilt auch: Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Zielgruppe hin, Zielgruppe her.

Volker Heise ist Filmemacher.

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