Kolumne

Haltet ein, Zeitdiebe!

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Ich will meine Stunden zurück. Die musste ich verplempern, weil Leute vor mir in der Schlange beim Bäcker erst überlegten, was sie wollten, als sie dran waren. Die Kolumne.

Eigentlich ist man ja für fast alles, was einem geschieht, selbst verantwortlich. Es gibt jedoch Ausnahmen. So stelle ich zum Beispiel immer Ende Dezember fest, dass das Jahr schon wieder schneller vergangen ist als das letzte. Lange dachte ich, das läge an meinem fortschreitenden Alter.

Kinder erleben ständig Neues, deswegen kommen ihnen Zeitläufe ewiglich vor. Betagte hingegen meinen, alles bereits gehabt zu haben. Also huschen die Monate wie fliehende Kakerlaken an ihnen vorbei, und schon wieder müssen sie sich einen neuen Kalender kaufen.

„The same procedure as every year“, heißt es schließlich in „Dinner for one“. Diesen Sketch nudelt uns das Fernsehen seit gefühlten zweihundert Jahren vor, immer an Silvester. Uns Gereifteren hingegen kommt es mittlerweile vor, als liefe das Ding in Dauerschleife, in immer enger werdenden Zyklen.

Zeitdiebe: Wie, ihr fühlt euch nicht schuldig?

Vor zwölf Monaten begann ich, dem Phänomen empirisch auf den Grund zu gehen. Ich hatte da nämlich so eine leise Vermutung. Nun kann ich sicher sagen: Ich kann nichts dafür, ihr seid schuld! Ihr alle! Ihr klaut mir meine Zeit! Ihr habt mir in 2019 einen ganzen Monat gemopst! Ohne euch wäre bei mir nun November und nicht Dezember! Und da das seit mehr als zehn Jahren so geht, wäre ich ohne euch knapp ein Jahr jünger!

Wie, ihr fühlt euch nicht schuldig? Dann passt mal auf, ihr Tagediebe, ihr Monatsdiebe, ihr Jahresdiebe! Wer steht denn beim Bäcker in der Schlange und fängt erst, wenn er an der Reihe ist, an zu überlegen, was er eigentlich kaufen möchte?

Und zwar im Schnitt volle vier Minuten lang? Und zwar meine vier Minuten, denn ich stehe direkt dahinter. Das Gleiche macht ihr beim Metzger mit mir, im Fischgeschäft, an Marktständen, im Zeitungsladen – immer und überall. Wie Kinder keim Kauf einer gemischten Tüte. Aber ihr seid doch erwachsen, verdammt noch mal! Und jetzt haltet euch fest. Im vergangenen Jahr habt ihr mir mit eurer Dusseligkeit beim Einkauf insgesamt 72 Stunden geklaut! Handgestoppt.

Zeitdiebe am Handy: „Sorry, war wichtig“

Doch damit nicht genug. Wie oft sitzen wir schön zusammen, und ihr sagt mitten im Gespräch: „Moment mal, das ist wichtig“, weil euer Smartphone krächzt und sich epileptisch auf dem Tisch herumwälzt? Und wie oft werden aus dem Moment fünf Minuten?

Sehr selten. Meistens dauert es nämlich zehn Minuten, bis ihr das Ding mit den Worten „Sorry, war wichtig“ wieder hinlegt. Zehn Minuten, die ich wie hingeschissen dasitze und Löcher in die Luft stiere. Zehn Minuten meiner kostbaren Zeit! Und das passierte mir im Jahr 2019 nicht nur einmal, sondern 276 Mal, womit ihr mir insgesamt 46 Stunden geklaut habt. Und das Jahr ist noch nicht mal vorüber.

Das waren jetzt nur zwei Beispiele von vielen. Für mehr habe ich keine Zeit mehr. Aber überlegt einmal: Für euch sind das jeweils nur ein paar Minuten, denn ihr seid viele. Ich aber bin alleine und muss euch alle mit meiner Zeit versorgen.

Strafmildernd kann ich euch zugestehen, dass ihr ohne Vorsatz gehandelt habt, nicht aus Habgier, Heimtücke oder sonstigen niedrigen Beweggründen. Also schlage ich einen Vergleich vor. Gebt mir im neuen Jahr die Zeit zurück. Ich packe die dann ein, ziehe nach Berlin und eröffne ein Start-up. „Rent a minute“ soll es heißen, ein Zeitverleih für Gehetzte.

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

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