Kolumne

Hallo Nachbar

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Stadtviertel, in denen sich die Bewohnerinnen und Bewohner kennen, sind sicherer. Und das Internet hilft dabei, diese Erkenntnis mit Leben zu füllen.

Als Teenager träumte ich davon, nach dem Abi endlich der provinziellen Kleinstadt zu entfliehen. Ich war die soziale Kontrolle dort, wo jeder jeden kannte, gründlich satt, die Argusaugen, die uns verfolgten, wenn sich meine Clique nachmittags vor der Eisdiele an der Bushaltestelle traf. Ich wollte bloß weg, ab in die Großstadt. Eintauchen in die Anonymität. Leben nach Lust und Laune, ohne dass Großtanten sich bei meinen Eltern mokierten, mit welchen Gammlern das Kind bloß wieder rumgelaufen sei.

Lang ist’s her. Heute bin ich dabei, ein Fan vernetzter Nachbarschaften zu werden. Das Dorf in Berlin zu entdecken. Die Leute im Kiez zu kennen. Den sozialen Radius zu erweitern. All das will die Internetplattform nebenan.de ermöglichen, deren Mitglied ich seit kurzem bin.

Also logge ich mich ein in die Website, auf der die Nachbarn meines Viertels sich darüber austauschen, wer einen guten Hautarzt weiß oder ein Blumenbeet anlegen möchte. Wann der nächste Hofflohmarkt stattfindet, und ob jemand einen Lochsäge-Bohraufsatz ausleihen kann. Leider besitze ich selber nicht mal eine Bohrmaschine, aber gut zu wissen, dass ich mir mittels nebenan.de demnächst einen Bohrer beim Anbringen eines Regals borgen könnte.

Dabei bin ich eigentlich über die Suche nach dadaistischen Kosmopoliten, die ich hinter einer höchst anregenden Aktion namens „das-litfass-ist-voll“ vermute, auf die digitale Pinnwand geraten. Die Plakate waren mir neulich auf dem Heimweg ins Auge gesprungen. Sie sind knallweiß und pappen an hellgrau tapezierten Litfaßsäulen im Stadtteil.

Aufgedruckt sind Sprüche in fetten schwarzen Blockbuchstaben wie dieser: „JE ne SUIS pas DONALD“. Unwillkürlich stieg ich auf die Bremse und vom Fahrrad ab, um auch die kleinere Unterschrift zu lesen, die besagte: „Weltweit findet eine zunehmende Infantilisierung der Volksvertreter statt. Eine souveräne Demokratie braucht eine starke Beteiligung erwachsener Bürger. Das ist Deine Chance!“ Passanten hatten, inspiriert von dem Appell, kein Donald (Trump) zu sein, mehr oder weniger Vergnügliches hinzugekritzelt.

Ob Alt-68er oder junge Kreative hinter der subversiven Plakataktion in meinem sonst so gediegenen Charlottenburg stecken, habe ich noch nicht herausgekriegt. Aber bei der Recherche stieß ich auf nebenan.de und dort wiederum unter den derzeit 4176 Nutzern in fußläufiger Nachbarschaft auf „das-litfass-ist-voll“-Sympathisanten. Bingo! Denkt global, agiert lokal. Das kann ja noch was werden.

In Berlin, wo auch die Zentrale mit vierzig Mitarbeitern sitzt, sollen bereits an die 200 000 Bewohner im Nebenan-Netzwerk aktiv sein. Deutschlandweit sind es bald eine Million. Auch die Hessen sind gut mit dabei. Das Konzept, angelehnt an die amerikanische Internetplattform nextdoor.com, scheint im Großstadtdschungel wie in einsamen Dörfern und öden Ortschaften, in denen das letzte Café zugemacht hat, zu funktionieren. Privatnutzer machen umsonst mit, Förderer zahlen einen Euro monatlich, ortansässige Gewerbetreibende wie der Bäcker an der Ecke steuern Gelder für Anzeigen bei.

Klingt ein wenig zu sehr nach schöner, neuer, heiler Welt? Zumindest belegen Studien, dass Nachbarschaften, die sich kennen, sicherer sind. Und so zieht das Graswurzelprojekt, das am kommenden Freitag, dem Tag der Nachbarn, bundesweit 2500 Stadtteilfeste organisiert, seine Kreise. Schauen Sie doch mal bei Nebenan vorbei.

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