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Haie tummeln sich vor Israels Küste.

Haialarm

Haie müssen Angst vor uns haben

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Manche Suppen aus Haifischflossen sind so substanzlos wie die Vergleiche mit räuberischen Menschen. Nicht wir, sondern der Hai sollte sich fürchten. Die Kolumne. 

Er ist so groß wie ein Omnibus und frisst doch nur Kleinstlebewesen, die er aus dem Wasser filtert. Der größte Fisch der Welt, der Walhai, passt so gar nicht in das Bild vom Hai als gefährlichem Räuber. Reißerische Spielfilme und sogar ein Brecht-Lied haben dazu beigetragen, dass man allzu leicht vergisst, wie wenige der über 500 Haiarten dem Menschen gefährlich werden können. Es ist kaum ein Dutzend.

Wo immer aber die Rückenflosse eines Hais gesichtet wird, erregt sie Aufmerksamkeit. Schnell sind die Handys gezückt und mitunter landen die verwackelten Filmchen sogar in den Abendnachrichten, weit weg vom Ort des Geschehens. Eigentlich kann man gar nicht von einem Ort des Geschehens sprechen, denn gewöhnlich verschwindet die Flosse wieder, ohne dass etwas geschieht. Haiangriffe passieren weltweit nur sehr wenige Male pro Jahr, und bei weitem nicht alle verlaufen tödlich.

Taucher berichten fasziniert von ihren Begegnungen mit Haien

Selbst harmlose Kontakte zwischen Hai und Mensch sind äußerst selten, und neugierige Haie möchten meist nur erkunden, welch im Vergleich zu den Mitbewohnern ihres Reiches schlechter Schwimmer sich da tummelt. Taucher berichten fasziniert von ihren Begegnungen mit Haien. Profis vermeiden es durch eigenes Verhalten, Missverständnisse beim Hai auszulösen.

Wenn Haie dagegen mit Fisch und Blut angelockt werden, etwa zum Haiangeln oder bei Hai-Safaris für Grusel-Touristen, ist es kein Wunder, dass sie sich dann, bewusst gereizt, aggressiv gebärden.

Die unglaubliche Faszination der uns bis heute weitgehend unbekannten Unterwasserwelt des Meeres und ihrer perfekt angepassten Lebewesen, deren Spitzenvertreter die Haie sind, leidet bis heute unter diffamierender Propaganda.

Der Hai ist ein Vorbild

So nimmt es nicht wunder, dass in Verbindung mit Kredit und Finanz der Zusatz „Hai“ raffgierige Menschen beschreibt und leider nicht, was den Tieren gerechter würde, jemanden, der sich elegant in seiner Umwelt bewegt und seinen Teil dazu beiträgt, dass diese intakt bleibt.

Der Hai ist ein Vorbild, dem die Bionik gerade das Geheimnis zu entlocken versucht, wie durch Imitation der Hautstrukturen der Reibungswiderstand an der Außenhülle von Flugzeugen und Booten reduziert und damit zum Beispiel Treibstoff eingespart werden kann.

Das sprichwörtliche Haifischbecken, das in Zusammenhang mit Politik oder Showbusiness immer wieder einmal zitiert wird, beschreibt Situationen, die den schwimmenden Meistern der Ressourceneffizienz ebenfalls nicht gerecht werden.

So falsch wie solche Zuweisungen ist meist auch die Haifischflossensuppe im asiatischen Restaurant. In der Regel wird billiger Hühnersuppenverschnitt kredenzt, garantiert haifrei. Restaurants, die echte Haifischflossensuppe servieren, verdienen es, gemieden zu werden, denn das Flossenabschneiden ist eine furchtbare Quälerei und brachte viele Haiarten an den Rand der Ausrottung. Ein echtes Haiprodukt sind die als Schillerlocken verharmlosten Bauchlappen des Dornhais. Auch die gefährden die Art. Gezieltes Hochseeangeln, räuberische Fischereimethoden, Schädigung der Meere haben sehr viele Haie auf die Roten Listen gefährdeter Tierarten gebracht.

Bei all den Bedrohungen müssten die Haie Angst vor uns haben, nicht wir vor ihnen. Wir sollten uns eher vor Mitmenschen fürchten, die so aggressiv, blutrünstig und gierig sind, wie die Legende es den Haien andichtet.

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