Kolumne

Seltsame Dinge

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Was haben Thüringen und Gott, die AfD und die smarte Diktatur in China gemeinsam?

Es passieren seltsame Dinge. Eigentlich wollte ich die Bäume beschneiden, solange es kalt ist. Aber es gibt keinen Frost mehr. Oder der Frost kommt erst, wenn die Blüte schon begonnen hat. Dann muss man jede Menge Heizkissen zwischen die Pflanzen stellen, sonst ist die Ernte geliefert. Letztes Jahr war es so: Kein einziger Apfel am Baum, keine Ernte im Herbst, kein Saft im Winter. Deprimierend, denkt man, ist der Klimawandel, wird schon nicht so schlimm, und zeigt den Klimaforschern den Stinkefinger.

Aber dann sieht man Skirennen im Fernsehen und die Landschaft dort ist nicht so weiß wie die Werbung verspricht, sondern sieht im Gegenteil genauso aus wie die Landschaft auf der anderen Seite meines Fensters: Nichts als Nieselregen, niedergedrücktes Gebüsch und Wolken, die sich nicht einmal von Sabine haben vertreiben lassen, dem bösen Orkan, der doch nicht so böse war.

Keine niedergeworfenen Bäume auf der Straße bei uns, keine Feuerwehreinsätze, keine röhrenden Motorsägen, die jeden Hirsch übertönen, absolut nichts: Linden und Eichen und Eschen und auch die netten Birken von nebenan stehen bei uns im Dorf noch. Dennoch passieren seltsame Dinge.

Ich fange jetzt nicht mit Thüringen an, Gott bewahre: ein Bundesland mit halb so viel Bewohnern wie Berlin und gerade dreimal so viel Bewohnern wie Frankfurt macht in einer Woche mehr Krach als ganz Nordrhein-Westfalen in einem Jahr, wo fast 18 Millionen Menschen leben. Aber auch kleine Einheiten im Universum können große Wirkung erzielen, wie spätestens das Challenger-Unglück gezeigt hat, wo Dichtungsringe zur Explosion führten. Wir leben in einer komplizierten Welt.

In ihr kann es sogar vorkommen, dass Wissenschaftler in unseren Genen Spuren von Aliens vermuten. Das dürfte Gott nicht gefallen, der bisher das Copyright auf unsere DNA beansprucht hat und sich wahrscheinlich nicht als Alien begreift.

Aber vielleicht ist er ja doch einer dieser Vulkanier mit Spaß an Katastrophenfilmen, den das europäische Programm seit dem Zweiten Weltkrieg langweilt, weshalb er auf Putin, Orban und die lustigen Musikanten von der AfD mit ihrem Faible für jene smarte Diktatur setzt, die die Reichen schützt und die Demokratie zu verteidigen behauptet, bis jemand mit Widerworten um die Ecke kommt.

Dann wird es äußerst hässlich, dann gibt es ungefährlichere Hobbys wie die Verteidigung der Grundrechte, früher mal ein Markenzeichen der FDP, bis die FDP zu einem Markenzeichen für Euros in den Augen wurde mit Christian Lindner als einarmigen Banditen.

Ein Markenzeichen der smarten Diktaturen, die zur Zeit in ihrer reinsten Form in China zu beobachten ist, wo steigender Lebensstandard gekoppelt wird mit steigender Überwachung durch digitale Mittel und steigernder Unterwerfung unter den Staatsapparat, war bisher die Fähigkeit, komplizierte Projekte ohne Rücksicht auf Verluste durchzudrücken und Flughäfen wie Fabriken schneller zu bauen als in Berlin ein Bus fährt.

Die Nachteile sind Blindheit gegenüber Folgeschäden und eine sehr einfache Sicht auf die Welt, in der nicht passieren darf, was nicht passieren soll, und Realitäten solange geleugnet werden, bis ein Corona-Virus seinen Weg in die globalen Reiserouten gefunden hat. Nachrichten, lautet eine alte Weisheit, die nicht umsonst das Tschernobyl-Gesetz genannt wird, kann man zensieren, Katastrophen nicht. Die Welt bleibt kompliziert und es werden seltsame Dinge geschehen.

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