Katja Berlin über Datenschutz und Werbewirtschaft

Ich habe nichts zu verbergen? Von wegen!

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Die werbende Wirtschaft späht ihre potenzielle Kundschaft bis in die Intimsphäre aus. Müssen wir uns das einfach gefallen lassen? Die Kolumne.

Ich verwende einen digitalen Menstruationskalender. Natürlich habe ich für diese App damals Geld ausgegeben. Es ist ja mittlerweile bekannt, dass wir ansonsten mit unseren Daten bezahlen, und meine Körpervorgänge gehören nicht zu den Informationen, die ich Unternehmen zur freien Verfügung stellen möchte.

Sobald ein Innenminister mal wieder für anlasslose Massenüberwachung plädiert, also eigentlich immer, höre ich viele Leute sagen, dass sie ja nichts zu verbergen hätten. Das ist schön, weil ich mich dagegen dann gleich wieder viel weniger langweilig fühle.

Ich habe nämlich eine ganze Menge zu verbergen. Nicht nur meinen Zyklus. Auch unzählige Textnachrichten, in denen ich mich mit Freundinnen über gemeinsame Bekannte, Arbeitgeber und unsere Lebensgefährten ausgetauscht habe. Wenn die in die falschen Hände geraten! Meinen Browserverlauf möchte ich auch niemandem zeigen, ebenso wenig meinen Kühlschrankinhalt oder meine Nachttischschublade.

Als ich das letzte Mal meine Tage hatte, bekam ich plötzlich auf Instagram gehäuft Werbung für Menstruationsunterwäsche angezeigt. Das passierte mir weder davor noch danach. Der Zeitpunkt war einfach zu offensichtlich, um da an einen Zufall zu glauben.

Beim Recherchieren stieß ich dann auf einen Bericht der Menschenrechtsorganisation Privacy International, die im letzten Jahr herausgefunden hat, dass viele Zyklus-Apps die sensiblen Daten ihrer Nutzerinnen an Facebook weitergeben. Und ich dachte vorher, das Gruseligste an diesen Apps sei ihr Design.

Mir ist ein Rätsel, warum die immer hellrosa mit Blümchen, Häschen und Schmetterlingen gestaltet sind, anstatt mit Kettensägen, Wasserstoffbomben und Morphiumspritzen.

Aber zurück zum Datenschutz. Wenn das die Werbeform der Zukunft sein soll, bleibe ich lieber beim Ohrwurm von Musterhausküchen-Fachgeschäft. Personalisierte Internetwerbung ist nicht nur nervig, sie dringt in unsere Privatsphäre ein. Wer fühlt sich denn dadurch nicht ausspioniert?

Interessanterweise führt das wiederum bei mir zu einer größeren Aufmerksamkeit für Werbung im öffentlichen Raum. Endlich werden mir mal wieder Produkte vorgestellt, für die ich keinerlei Verwendung habe. Autos, Männerduschgel oder Bier aus Hamburg. Verrückt, was es so alles außerhalb meiner Filterblase gibt.

Aber die Werbeformen ändern sich hier ebenfalls. Die Zukunft der Außenwerbung ist digital. Alte Litfaßsäulen werden abgebaut, moderne Leucht- und Touchdisplays dominieren immer mehr das Stadtbild. Über Tracking oder Kameras können theoretisch auch hier die Werbeeinblendungen personalisiert werden. Erste Versuche dazu liefen bereits vor Jahren und das Internet ist voll von Mutmaßungen darüber, dass Google in die Außenwerbung einsteigen möchte.

Ich will aber keine Stadt, die mich erkennt. Weder durch Kameras an Bahnhöfen noch an Plakatdisplays. Wenn ich beobachtet werden möchte, ziehe ich in eine Kleinstadt.

An meiner S-Bahn-Station hängen ganz altmodisch Plakate, die für Veranstaltungen in Berlin werben. Mir fiel neulich auf, dass dort abwechselnd entweder eine Sex-, eine Hochzeits- oder eine Hausbaumesse angekündigt wird. Dass dabei ein Zusammenhang mit meinem Zykluskalender besteht, wage ich allerdings zu bezweifeln. Noch.

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