Kolumne

Gutes und schlechtes Hochwasser

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Entlang mancher Flüsse leben Auen und Menschen von Über-schwemmungen. Der Anstieg des Meeresspiegels ist aber eine ganz andere Kategorie.

Überschwemmungen sind eine gute Sache. In vielen Ländern sind Bauern auf periodische Hochwässer angewiesen, denn diese reichern den Boden mit Nährstoffen an und ermöglichen hochproduktive Landwirtschaft am Flussufer, sobald das Wasser abgeflossen ist.

Entlang der großen Flüsse in Deutschland speist Hochwasser besonders artenreiche Ökosysteme, die Auen. Die regelmäßig wiederkehrenden Wassermassen sind nicht nur unerlässlich für die üppigen Lebensgemeinschaften der Tiere und Pflanzen. Auen sind, wie man inzwischen weiß, auch der beste Hochwasserschutz.

Zwar machte die vor 200 Jahren begonnene Begradigung des Rheins diesen vielbesungenen Fluss erst richtig schiffbar. Aber dabei wurden die Auen abgeschnitten und verloren ihre Funktion. Vorher brachen sie Hochwasserspitzen, bevor diese die Städte weiter flussabwärts schädigen konnten. Nun aber nahmen die Überschwemmungen dort Ausmaße an, die nur noch mit aufwendigen Bauwerken und beschränktem Erfolg eingedämmt werden können.

Intakte Auen wiederzubeleben ist heute ein Anliegen der Naturschützer und amtlicher Institutionen, die sich mit Hochwasserschutz und Gewässerqualität befassen. Denn die Überschwemmungsflächen haben einen erheblichen Einfluss darauf, ob die Fließgewässer gesund sind und fischreiche Lebensräume darstellen. Das Wasser lagert seine Sedimentfracht hier ab und wird so gesäubert.

Die positiven Wirkungen der Hochwässer traten jedoch stets zurück hinter deren schädlichen Effekten. Doch es wird immer klarer, dass das, was als zerstörerisches Naturereignis eingestuft wird, einer nicht angepassten Siedlungspolitik zu verdanken ist: zu nahe am Wasser, mitten in den natürlichen Überschwemmungsflächen. Venedig, in Lagunen auf Pfählen errichtet, erlebt derzeit allerdings eine ganz neue Kategorie von Überschwemmungen, die mit dem gewohnten Phänomen „Aqua alta“ nur noch wenig gemeinsam hat. Mit den normalen Hochwässern hatten die Bewohner längst umzugehen gelernt.

Der Anstieg des Meeresspiegels lässt die Stadt der Künste und Paläste aber in diesen Wochen in dramatischer Weise erfahren, wie stark gefährdet auf einmal Orte sind, die nah am Meer gebaut sind, und steht als warnendes Beispiel für alle Gebiete, denen die neuesten Prognosen des Weltklimarates Katastrophen vorhersagen. Besonders schlimm trifft es schon heute viele küstennahe Bewohner besonders in den Südseestaaten. In Vietnam drängt sich die Bevölkerung an den Küsten, weil große Teile des bergigen Landesinneren kaum Landwirtschaft zulassen. Für ein Ausweichen vor dem steigenden Meerwasser ist kein Platz.

Die Erhaltung der natürlichen Auen entlang unserer Flüsse ist eine schwierige, aber lösbare Aufgabe. Den Anstieg des Meeresspiegels mit seinen katastrophalen Folgen noch in den Griff zu bekommen, ist ohne strikten Klimaschutz völlig undenkbar. Hoffentlich wird der Madrider Klimagipfel im Dezember nicht zu einer weiteren verpassten Chance. Venedig und das Mekongdelta, Osnabrück, Fidschi und die Nordsee-Halligen müssen auf einen Erfolg hoffen.

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