Kolumne

Guter Schnitt

  • Harry Nutt
    vonHarry Nutt
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Was ein Besuch beim Friseur nach der langen Zwangspause mit einem fast schon verwahrlosten Menschen macht. Die Kolumne.

Am vergangenen Mittwoch habe ich mir ein Stück meines Alltags zurückgeholt. Okay, es wurde mir freundlicherweise gewährt. „Nehmen Sie den Termin“, hatte meine Friseurin zu Beginn des Monats geraten. „Sie werden auch anderswo keinen früheren bekommen.“ Ich hasse Veränderungen, also habe ich es gar nicht erst versucht. Der 27. 5. war mein Tag, ich habe ihn mir fest eingeprägt. Selbstverständlich habe ich mich, als es so weit war, mit einem Mundschutz ausgestattet. Ich mochte auf keinen Fall riskieren, wegen irgendwelcher Nachlässigkeiten kurz vor Erreichen des Ziels zurückgewiesen zu werden.

B. hat mich gebeten, es bleiben zu lassen. Sie konnte meinen Anblick, kurz nachdem ich frisch vom Friseur zurückkomme, noch nie ertragen. Eine Kollegin sagte, es stehe mir gut. Arno wiederum lächelte nur gelangweilt. Als Mann, der seit Jahrzehnten ohne nennenswerte Kopfbehaarung auskommen muss, mochte er mein Befinden über das lästige Sprießen der vergangenen Wochen nicht teilen. Ich hingegen empfand das unaufhörliche Wachstum als unangemessene Verwilderung. Die Augenbrauen hatten sich zu struppigen Büscheln verformt, und der Pelz auf den Ohrläppchen erschien mir als Zeichen einer unaufhaltsamen Regression. Wenn Männer bemerken, dass ihnen Haare aus den Ohren wachsen, sind sie alt.

Die Schließung wichtiger Dienstleistungsangebote im Bereich der Körperpflege war vielleicht das markanteste Signal in der Corona-Epidemie. Niemand musste, zumindest nicht in Westeuropa, Hunger erleiden. Aber der eigenen Verwahrlosung ausgeliefert zu sein, war eine nicht zu unterschätzende Grenzerfahrung, wie sehr sie auch Ausdruck einer fortgeschrittenen Verweichlichung gewesen sein mag.

Fußpflege, Haareschneiden, Physiotherapie – erst jetzt ist in vollem Umfang deutlich geworden, wie viele segensreiche Dienste am Menschen in den zurückliegenden Jahrzehnten professionalisiert worden sind.

Die Damen im Salon trugen Masken, aber ich meinte Alinas freundliches Lächeln gleich erkannt zu haben, als wir uns sahen. Die neue Maskenpracht bringt die Gesichtszüge nicht ganz zum Verschwinden. Alinas Krähenfüße blinkten freundlich. Es ist nicht sehr charmant, das eigens zu bemerken. Aber Corona verändert vieles.

Für ihre Fingerfertigkeit habe ich Alina bewundert, seit ich den Salon aufsuche, in dem sie einen eigenen Stuhl nach dem Franchiseprinzip unterhält, vorne links, gleich am Fenster zur Straße. Ohne viele Worte zu verlieren, macht sie ihren Job, nun ergänzt durch gekonntes Beiseiteschieben der Maskenhalterungen, als die kritischen Stellen – Koteletten, Ohrenpartie – an der Reihe waren.

Wegen der Hygieneauflagen hat der Salon die Preise leicht angezogen. Es muss nach jedem Kunden desinfiziert werden, und es können insgesamt weniger abgefertigt werden. Das hielt Alina aber nicht davon ab, ihr flinkes Tun wie immer erscheinen zu lassen. Als sie fertig war, wies sie mich noch darauf hin, dass sie im Juli in Urlaub sei. Ich rechnete kurz nach. Kein Problem, diesmal hatte ich einen viel längeren Zeitraum zu überbrücken.

Mehr als gewöhnlich rundete ich die Rechnung mit Trinkgeld auf und trat glücklich vor die Tür, als handele es sich um die nach langer Crusoniade erfolgte Rückkehr in die Zivilisation.

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