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Was wir tun, hat oftmals Folgen - auch im Guten: Boykott-Aktionen gegen den Walfang beispielsweise waren schon mehrfach erfolgreich.

Silvester-Vorsätze

Von guten und schlechten Vorsätzen für 2019

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Ein guter Vorsatz fürs neue Jahr könnte sein, bei alltäglichen Handlungen gelegentlich bewusst zu entscheiden, was man tut. Aber nehmen Sie sich nicht zu viel vor! Unser Leitartikel zu Silvester.

Alles so schön bunt hier! Alles so schrecklich bunt hier? So vielfältig, so kompliziert, so unüberschaubar. Gibt es irgendetwas, das noch einfach wäre auf unserer Welt? Einerseits nein, denn alles ist verwoben, jede Tat hat oft nur schwer zu überblickende Folgen, jede Handlung zieht andere nach sich. Andererseits aber ja, denn alles, was in der großen, weiten Welt so ungeheuer komplex ist, bricht sich im Alltag immer wieder auf eine klare Entscheidung herunter: Tue ich etwas oder lass ich es, mach ich dies oder mach ich jenes.

So, wie einerseits die „große“ Politik auf unser „kleines“ Leben wirkt, so können wir umgekehrt auch auf die Politik einwirken und sie auch mitbestimmen. Mitgestalten können wir unser Leben, unsere Umgebung und unsere Umwelt allemal. Viele Menschen tun das ganz direkt, sie geben ihrer Meinung eine politische Stimme im engeren oder auch im weiteren Sinn: Sie engagieren sich in Parteien und Verbänden, Gewerkschaften und Kirchen, Nichtregierungsorganisationen und Vereinen. Andere teilen vielleicht diese Haltung oder jene Ansicht, haben aber zu viele Verpflichtungen und zu wenig Zeit und Energie, derart tatkräftig unser aller Leben und Zukunft zu gestalten. Aber es geht ja auch anders.

In den 70er und 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts haben sehr viele Menschen Buttons auf ihren Jacken oder Mänteln getragen – und viele Menschen haben auch sehr viele Buttons getragen. Auf diesen Ansteckern verkündeten ihre Träger persönliche Vorlieben (I love…) für Musikgruppen, Getränke oder ihre Nächsten und allerlei andere Dinge des privaten Lebens.

Häufig transportierten die kleinen runden Ansteckdinger aber auch politische Vorlieben für Parteien, vor allem aber weltanschauliche Bekenntnisse wie „Atomkraft Nein Danke“, „Gorleben soll leben“, „Save the Trees“, „Kosmetik ohne Tierversuche“ oder „Save the Whales“, um nur wenige Beispiele zu nennen.

Diese Buttons waren für ihre Träger auch immer Leitfaden im Alltag und Handlungsanweisung zugleich. Offensichtlich für das eigene Wahlverhalten bei Parteibuttons oder „Atomkraft Nein Danke“. Der Button „Free Nelson Mandela“ war untrennbar mit „Boycott Apartheid“ verbunden, was im Alltag wiederum dazu führte, Obstkonserven im Supermarktregal auf die Herkunft der Früchte zu prüfen.

Büchsen südafrikanischer Herkunft wurden angewidert ins Regal zurückgestellt. Selbst diese schlichte und einfache Handlung war gar nicht so schlicht und einfach, denn zuvor war lange überdacht worden, ob der durch den Boykott „Kauft keine Früchte der Apartheid“ angerichtete Schaden für die auch betroffenen Arbeiter auf den Plantagen nicht den für den Apartheidsstaat Südafrika überschattete.

Im Vergleich unterkomplex war die Aufgabe, Wale zu retten. Zwei Mal rief Greenpeace in Boykott-Aktionen dazu auf, zwei Mal zeigte sich die Macht der bewussten Verbraucher so deutlich wie selten in der Geschichte. 1986 gegen den norwegischen Walfang, 1988 gegen den isländischen Walfang. Beide Male erfolgreich.

Nehmen Sie sich nicht zu viel für 2019 vor!

Es gibt noch einige andere Beispiele, die zeigen, wie viel eine bewusste Entscheidung bewirken kann, die nicht einmal mit einem Verzicht verbunden ist. 1995, als Greenpeace gegen die beabsichtigte Versenkung des Rohöltanks Brent Spar im Atlantik zu Felde zog, tankten die Menschen weiter ihre Autos voll, viele aber nicht mehr bei Shell. Als Ergebnis ließ der Konzern den Tank an Land verschrotten. Ähnlich erfolgreich war die weltweite Kampagne „Nestlé tötet Babies“ gegen den Schweizer Nahrungsmittelkonzern. Nestlé beendete schließlich die aggressive Werbung für mit Wasser anzurührende Babynahrung in hygienisch unzureichend entwickelten Regionen der Welt.

Wenn Sie wie gewohnt gute Vorsätze für das Jahr 2019 fassen, nehmen Sie sich nicht zu viel vor. Niemand ist perfekt und die meisten von uns merken das schon wenige Minuten, nachdem das neue Jahr begonnen hat. Weil sie zu viel gegessen haben oder getrunken, weil sie doch noch schnell eine allerallerletzte Zigarette rauchen.

Aber es schadet gar nichts, sich vorzunehmen, bei alltäglichen Handlungen wenigstens gelegentlich bewusst zu entscheiden, was man tut. Fahre ich heute Bus oder Bahn oder sogar Fahrrad und lasse das Auto stehen? Kaufe ich kein japanisches Produkt, solange Japan den gewinnorientierten Walfang erlaubt? Esse ich heute einmal kein Fleisch und wenn doch, dann keines von Tieren aus Massenhaltung? Gehe ich vor dem Fernsehabend oder dem Kneipenbesuch gegen Rechts oder für Europa demonstrieren? Pflanze einen Baum oder bezahle eine Pflanzung, bevor ich in den Urlaubsflieger steige?

Es gibt viele Dinge, die wir entscheiden müssen, jeden Tag aufs Neue, ganz gleich, wie komplex die Welt ist, wie unübersichtlich die Probleme erscheinen mögen. Niemand muss wieder anfangen, sich Buttons anzustecken. Aber wenn viele Menschen in ihrem Alltag hin und wieder die richtige Wahl treffen, dann kann auch daraus durchaus etwas Großes werden. Und ein gutes, ein buntes Jahr 2019. Wir wünschen es Ihnen.

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