Leitartikel

Gute Bildung kostet

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Wer über die richtige Bezahlung für Lehrerinnen und Lehrer diskutiert, muss zunächst Ziele für die Bildung in Deutschland festsetzen. Daran ist die Politik bisher gescheitert.

Es gibt die erwartbaren Reaktionen auf den Lehrerstreik. Gebt den Lehrerinnen und Lehrern halt ein paar Euro mehr im Monat, aber schafft endlich das Beamtentum ab, sagen die einen. Wieso sollen die mehr Geld bekommen, die haben doch wegen der Schulferien so viel Urlaub, polemisieren die anderen. Dabei haben vermeintlich einfache Antworten auf komplexe Probleme noch nie weitergeholfen.

Bleibt man auf der tariflichen Ebene, ist der Arbeitskampf der Pädagogen ein normaler Streit zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern, die darüber verhandeln, wie viel für eine Leistung gezahlt werden soll. Zunächst geht es also um eine Handvoll Euro mehr. Die Länder erinnern in diesem Zusammenhang an die belasteten Haushalte und die steigenden Kosten für die Altersvorsorge vor allem der verbeamteten Lehrer, die vermehrt in Pension gehen. Die Gegenseite verweist auf die gute Konjunktur, die den öffentlichen Etats frische Steuereinnahmen beschert. Diesen Zwist könnte man auch zu einer Frage zuspitzen: Wie viel ist uns eine gute Bildung für unsere Kinder wert? Spätestens hier wird es kompliziert.

Es geht nicht mehr nur um die Höhe des Gehalts, sondern auch um Ziele von Bildung. Und beides ist enger verknüpft, als mancher denkt. Soll der Nachwuchs in eine Schule für alle gehen und ganztägig betreut werden, damit künftig bei einer prognostizierten sinkenden Zahl von Arbeitskräften möglichst viele Väter und Mütter arbeiten gehen können? Oder soll in einem dreigliedrigen Schulsystem weiter vor allem Wissen vermittelt werden? Aus den Antworten leitet sich das Berufsbild des Lehrers ab. Daraus resultiert das Gehalt.

Tatsächlich müssen Lehrer seit langem täglich ihren Klassen nicht nur den Satzbau oder binomische Formeln erklären, sondern häufig Mängel der elterlichen Erziehung auffangen. Darüber wird seit langem geredet, doch hat sich beispielsweise die Lehrerausbildung in den vergangenen Jahrzehnten kaum verändert. Schule ist auch ein Ort der Integration. Viele unterschiedliche Menschen lernen täglich miteinander, ob mit oder ohne Migrationshintergrund, ob mit oder ohne Behinderung. Um diese Leistungen noch auszubauen und das Ziel einer Ganztagsschule für alle zu erfüllen, müssten wir mehr investieren. Lehrer müssten etwa mit Sozialarbeitern, Trainern oder Musikern den Nachwuchs durch Lern- und entspannende Phasen im Schulalltag begleiten.

Über derartige Bildungsziele wird spätestens seit dem Pisa-Schock leidenschaftlich gestritten. Die bisher gezogenen Schlüsse zeigen: Politiker, Lehrer und Eltern haben sich bei der Schulbildung hierzulande auf den Weg der Veränderung gemacht. Die Zwischenresultate sind noch nicht befriedigend. Das hohe Lied auf Ganztagsschulen etwa hat das ein oder andere gute Beispiel hervorgebracht. Mehrheitlich ist dieses Ziel noch nicht erreicht, häufig wird es verfehlt. Das böse Wort der Verwahranstalt macht die Runde. Mancherorts haben die Verantwortlichen dieses Ziel noch nicht mal in Angriff genommen. Ein Grund für das ungleiche Tempo sind die unterschiedlichen politischen Ziele, die Politiker und Eltern vor Ort verfolgen. Mütter, die tagsüber zu Hause sind, erwarten mehrheitlich anderes von der Schule als Familien, bei denen beide Elternteile einen Job haben. Das Problem ist also, dass sich Deutschland nicht auf ein Ziel für die Schulbildung einigen kann. Und das, obwohl die Pisa-Studie zeigt: In Ländern, die ein einheitliches Ziel verfolgen, ist der Lernerfolg größer als in Staaten ohne ein solches Ziel – unabhängig von der Schulform, zentralistischem oder föderalem Bildungssystem.

Der Lernerfolg hängt auch nicht vom Status des Lehrers ab. Sachsen hat sich wie die anderen neuen Bundesländer nach der Wiedervereinigung dafür entschieden, Lehrer nicht zu verbeamten, sondern anzustellen. Das Schulsystem dort ist genauso leistungsfähig wie das Bayerns, wo die meisten Lehrer verbeamtet sind. Der Streit über den Status sollte aber aus einem anderen Grund gelöst werden. In den westlichen Bundesländern führt die Mischform zu einer Zweiklassengesellschaft im Lehrerzimmer. Ein einheitliches Dienstrecht könnte diese Ungerechtigkeit beseitigen, alle gleich gut absichern und zudem angemessen entlohnen. Diese Lösung verhindern aber viele Minister. Sie scheinen sich an anderen Branchen zu orientieren, wo die Anstellungsverhältnisse sich dramatisch verändert haben. Tendenziell werden dabei die vermeintlich hohen Gehälter oder angebliche Privilegien beseitigt.

Werden diese Probleme nicht endlich gelöst, wird es auch weiter zu schulpolitischen Desastern kommen, wie etwa beim verkürzten Abitur. Mit viel Aplomb warben Politiker für einen schnelleren Weg durchs Gymnasium zum Studium. Inzwischen entscheiden sich immer mehr Eltern mit ihren Kindern gegen G 8 und für G 9. Das Experiment ist gescheitert. Man hätte es wissen können. Gemessen daran und an den grundsätzlichen Schwierigkeiten wirken ein paar Euro im Monat zusätzlich wie eine Kleinigkeit.

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