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In der venezuelanischen Hauptstadt Caracas verlangen Maduro-Gegner Demokratie.

Kommentar

Rückkehr in alte Ausbeutungsverhältnisse?

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In Venezuela tobt ein Kampf der Guten gegen die Bösen? So einfach ist es nicht.  Der Kommentar.

Gut gegen Böse, für die Anhänger des linken Staatschefs Nicolás Maduro geht das so: Auf der einen Seite steht die von Maduros Vorgänger Hugo Chávez ausgerufene Revolution, die dem edlen Ziel diente, die Vorherrschaft des US-amerikanischen Imperialismus zu brechen und die verarmten Massen statt der bürgerlichen Oberschicht endlich vom Reichtum aus dem Ölexport profitieren zu lassen.

Schlechte Traditionen imperialer US-Politik

Um Missverständnisse zu vermeiden: Der Versuch, die Symbiose zwischen den ökonomischen und strategischen Interessen der USA sowie dem Profitstreben einer schmalen Oberschicht im Land zu durchbrechen, war aller Ehren wert. Und das Verhalten, das Washington jetzt an den Tag legt, steht den schlechten Traditionen imperialer US-Politik in Lateinamerika in nichts nach. Aber selbst glühende Antiimperialisten sollten doch bitte nicht übersehen, dass das chavistische Experiment in der Form, die es angenommen hat, gescheitert ist.

Gescheitert ist diese Revolution nicht nur, weil Washington es auf allen Ebenen hintertrieb - das auch. Aber es hilft überhaupt nichts, die Augen davor zu verschließen, dass der Chavismus die Abhängigkeit vom Öl und seinem Preis nie infrage stellte. Und dass Maduro dann, als die Wirtschaft Schaden nahm und die Verarmung weiter um sich griff, die demokratischen Institutionen Stück für Stück zerstörte, um jeden Widerstand zu brechen. Man lese nur mal die Beiträge des linken venezolanischenWissenschaftlers und Aktivisten Edgardo Lander, dessen Kritik an der Entwicklung der "bolivarianischen Revolution" sicher nicht von Washington gesteuert ist.

Maduro - unschuldiges Opfer?

Aber das Gut-Böse-Schema ist eben auch kein Monopol von Linken, die Maduro nur als unschuldiges Opfer sehen wollen. Dass die Trump-Administration es nutzt, um die vor-chavistischen Machtverhältnisse möglichst wieder herzustellen, hat sich inzwischen herumgesprochen: Es ist schon erstaunlich, mit welcher Offenheit Washington den selbsternannten Präsidenten Juan Guaidó zum Geschöpf seiner strategischen Interessen formt. Dass aber auch Deutschland und andere europäische Staaten jetzt voll auf die Karte Guaidó setzen wollen, ist ein Armutszeugnis für die europäische Außenpolitik.

Ja, es bleibt dabei: Maduro ist gescheitert, und das nicht nur an der Einmischung von außen. Es muss Wege geben, um sein Regime zu beenden. Aber sich einfach auf die Seite derjenigen zu schlagen, die aller Voraussicht nach dem Debakel des Chavismus eine Rückkehr in alte Ausbeutungsverhältnisse folgen lassen würden, ist keine Lösung.

Europa hätte gut daran getan, auf Verhandlungen in Venezuela zu setzen, moderiert etwa durch Mexiko und Uruguay, die sich dazu angeboten haben, oder auch durch den Vatikan. Guaidó hat, getragen von der Unterstützung aus Washington, solche Gespräche abgelehnt und damit gezeigt, wie weit es her ist mit seiner Rolle als Retter der Demokratie und des inneren Friedens. Aber das ist für Europa kein Grund, das gleiche Pferd zu reiten wie der Cowboy-Präsident im Weißen Haus. Die Regierungen in Berlin und anderswo vertun eine große Chance, wenigstens dieses Mal ihre Unabhängigkeit von Trumps Amerika zu beweisen.

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