Karstadt

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Das Ende der lebendigen Innenstadt: Karstadt und die Schachzüge der Eigentümer.

Der Überlebenskampf der Kaufhauskette Karstadt steht weiter im Zeichen der letztlich gescheiterten Übernahme durch den Kunstsammler Nicolas Berggruen. In der „Stuttgarter Zeitung“ zieht Thomas Thieme Bilanz. „Ein vierjähriges Kapitel geht zu Ende, das aus Sicht Berggruens gar nicht so schlecht gelaufen ist. Jedenfalls, so verlautete aus dem Umfeld des deutsch-amerikanischen Kunstsammlers, mag sich dieser keinen Vorwurf machen. Schließlich habe er seine Zusagen erfüllt: die 83 Standorte erhalten, die Beschäftigungsgarantie bis 2012 erfüllt und 400 Millionen Euro in die Modernisierung der Warenhäuser gesteckt.“

Allerdings, so Thieme, ist das nicht die ganze Wahrheit, denn: „Erstens: Die 400 Millionen Euro stammten aus dem laufenden Betrieb der Häuser oder von Signa, Berggruen hat kein eigenes Geld in den Konzern gesteckt, den er 2010 für einen symbolischen Euro übernommen hatte. Zweitens: Während seiner Zeit wurden knapp 2000 Arbeitsplätze abgebaut. Drittens: Statt ihnen den Rücken zu stärken, hat Berggruen weder den Geschäftsführer Andrew Jennings noch dessen Nachfolgerin Eva-Lotta Sjöstedt ausreichend unterstützt und so beide vergrault. Die Schließung von Häusern und Entlassungen werden nicht abzuwenden sein.“

Kein sozialer Samariter

Auch der Neue, René Benko, ist kein sozialer Samariter, glaubt Jörg Marksteiner vom WDR. Benko „kalkuliert nüchtern: Diese Übernahme sichert in erster Linie seine eigenen Investitionen ab. Benko gehören viele Karstadtimmobilien. Wäre der Handelsriese erneut in die Pleite gerutscht, Mietausfälle wären die Folge gewesen. Dazu langwierige Verhandlungen mit dem Insolvenzverwalter. Außerdem hat Benko im Herbst für die Luxusläden und die Sporthäuser von Karstadt 300 Millionen Euro gezahlt, wovon 200 in die Kaufhäuser flossen. Auch dieses Geld wäre bei einer Insolvenz verloren gewesen. Jetzt bleibt alles in seinen Taschen, er bekommt Karstadt geschenkt.“

In der „Welt“ beschäftigt sich Alan Posener indes damit, was die Kaufhauskultur war und was nach ihr kommt. „Die oft beschworene Urbanität der europäischen Stadt reduziert sich auf eine historisierende Fassade fürs Markenangebot, an der sich ein Strom von Konsumenten vorbeischiebt, immer ihrem Smartphone hinterher. Denn schon zeichnet sich ab, dass auch diese Karikatur des Flanierens ersetzt wird durchs Surfen: Die ungeheure Warensammlung des Kapitalismus ist via Amazon und Apple, Paypal und OneClick vom Wohnzimmer aus erschließbar; wozu sich also durch die sich angleichenden Innenstädte von Barcelona oder Berlin, Manhattan oder Madrid quälen und so tun, als würde man etwas Neues erleben? Wer lebendige Stadt erleben will, sollte die noch nicht gentrifizierten Straßen von Berlin-Neukölln oder anderen Zentren der Migration aufsuchen.“

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