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Der „Grüne Knopf“ wird sozial und ökologisch nachhaltig produzierte Textilien kennzeichnen

Der „Grüne Knopf“

Menschenrechtsverletzungen im Textilsektor: „Grüner Knopf“ ist zu wenig

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Minister Gerd Müllers Textilsiegel muss ergänzt werden. Sonst werden die Firmen Kleidung weiter menschenunwürdig herstellen. Der Gastbeitrag.

Wir kennen die Bilder: Menschen, oftmals auch Kinder, schuften unter furchtbaren Bedingungen, um Kleidung zu produzieren, die hierzulande so günstig über den Ladentisch geht. Beim Kauf eines T-Shirts haben wir oftmals nicht vor Augen, welch langen Weg dieses Produkt hinter sich hat. Im Schnitt legt es beginnend beim Baumwollfeld bis zum Verkauf in Deutschland knapp 28 000 km zurück – mehr als eine halbe Erdumrundung.

Arbeitsbedingungen in der Textilbranche sind erbärmlich

Obwohl der Hauptteil der Arbeit in Schwellen- und Entwicklungsländern erfolgt, macht dies nur einen geringen Teil der Kosten aus. So entfällt nur etwa ein Viertel des Verkaufspreises eines Shirts auf die Baumwollproduktion und das Nähen in Bangladesch, während der Rest in Deutschland verbleibt. Die Arbeitsbedingungen auf den verschiedenen Stufen der Produktion sind oft erbärmlich. Fehlende soziale Absicherung, mangelnde Sicherheitsstandards, Hungerlöhne, Gewalt, Missbrauch und Diskriminierung sind oftmals an der Tagesordnung. Kurzum Kinder- und Menschenrechte werden entlang der Lieferkette mit Füßen getreten.

Der „Grüne Knopf“ kennzeichnet nachhaltige Textilien

Obwohl diese Fakten hinlänglich diskutiert werden, passiert viel zu wenig, um der Ausbeutung ein Ende zu bereiten. Entwicklungsminister Gerd Müller hat sich des Themas nun angenommen und möchte beherzt einen Schritt in Richtung zu mehr Transparenz wagen. Ein neues Siegel soll dem Verbraucher künftig den Weg durch den Siegeldschungel weisen und sichtbar machen, in welchen Produkten Ausbeutung steckt.

Der „Grüne Knopf“ wird von Sommer an sozial und ökologisch nachhaltig produzierte Textilien kennzeichnen und soll Verbraucherinnen und Verbraucher Orientierung geben. Sowohl für die produzierenden Firmen als auch für die Produkte selbst werden Kriterien formuliert, deren Einhaltung überprüft werden soll.

Gegen Ausbeutung von Kindern und für faire Arbeitsbedingungen

Was ist von diesem Vorstoß zu halten? Das Kinderhilfswerk Terre des Hommes setzt sich seit langem gegen die Ausbeutung von Kindern und für faire Arbeitsbedingungen in sämtlichen Branchen ein. Wir sind Zeuge der großen Zahl an Kinder- und Menschenrechtsverletzungen im Textilsektor und können das Anliegen des Ministers nur unterstützen. Ein neues Siegel kann dazu beitragen, dem Verbraucher mehr Transparenz über die Herkunft des angebotenen Produkts zu geben. Zudem wäre der angestrebte Nachweis der Produktion ohne Menschenrechtsverletzungen entlang der gesamten Lieferkette ein Novum unter den Gütesiegeln. Damit ein staatliches Textilsiegel seine Wirkung voll entfalten kann, müssen jedoch einige Voraussetzungen erfüllt werden.

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Terre des Hommes fürchtet, dass das Siegel in seiner jetzigen Form nur sehr begrenzt wirken wird: Der Grüne Knopf ist ein so genanntes Metasiegel und baut somit auf bereits bestehenden Siegeln auf. Im Klartext heißt das, der Grüne Knopf wird zusätzlich vergeben, wenn Produkte bereits mit einem Nachhaltigkeitssiegel versehen sind. Unternehmen, die bereits aktiv sind, müssen also keinen qualitativen Sprung machen, um den Grünen Knopf zu erhalten.

Der Grüne Knopf ist unkonkret

Dies birgt das Risiko, dass Schwächen der unterschiedlichen bereits existierenden Siegel toleriert und dupliziert werden. Deshalb ist zunächst nicht erkennbar, dass der Grüne Knopf zusätzliche ökologische und soziale Qualität bietet. Weiter ist fraglich, ob ein nationaler Alleingang die notwendige Kraft im Markt entfalten kann, damit sich eine Branche weiterentwickelt. Der Grüne Knopf ist ein rein deutsches Siegel, aktuell macht der deutsche Umsatz in der Bekleidungsindustrie jedoch nur etwa 2,5 Prozent des weltweiten Umsatzes aus.

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Das Hauptproblem jedoch ist, dass das Siegel lediglich die letzte Stufe der Lieferkette in den Blick nimmt, die Konfektionierung. Erst später sollen weitere – aus menschen- und kinderrechtlicher Perspektive jedoch besonders kritische – Produktionsschritte wie der Baumwollanbau und das Spinnen der Fasern ergänzt werden. Noch ist jedoch unklar wann und wie. Fraglich ist auch, ob der Grüne Knopf das Vertrauen der Verbraucherinnen und Verbraucher gewinnt. Was passiert, wenn ein Foto oder Film arbeitender Kinder in Spinnereien auftaucht und die Fasern nachweislich für ein mit dem Grünen Knopf gesiegeltes Produkt verwendet werden?

Fazit: Terre des Hommes sieht großen Handlungsbedarf für die Umsetzung von Kinder- und Menschenrechten in der Textilindustrie. Verbindliche und gesetzlich festgelegte Standards für alle Unternehmen würden unmittelbar Wirkung zeigen. Der Grüne Knopf geht jedoch den Umweg über die Verbraucher. Ein staatliches Siegel kann wirken, wenn es ehrgeizige Standards setzt. In seiner aktuellen Konzeption kann der Grüne Knopf daher nur ein sehr kleiner Schritt auf diesem Wege sein.

Albert Recknagel ist Vorstandssprecher von Terre des Hommes Deutschland.

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