Kolumne

Großes Kino von Charlottenburg bis Luanda

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Schnee und Eis in Angola, das kann nur der Film. Da zeigt sich schon, wo seine Zukunft liegen könnte. Die Kolumne.

Am Freitag waren wir im Kino. Das Theater lag in Charlottenburg, einem Berliner Bezirk der gesitteten Art. Wir wollten den neuen Film von Pedro Almodóvar sehen, dem spanische Altmeister. Zu meiner Frau sagte ich, dass die Mischung aus Kino, Charlottenburg und Almodóvar mindestens 50 Prozent Grauhaarige im Publikum verspreche, weil dem Kino die jungen Zuschauer davonlaufen.

Es wurden dann 80 Prozent, die zivilisiertesten Zuschauer der Welt. Kein Popcorn, sondern Weißwein in echten Gläsern. Vor dem Film wurde für Live-Übertragungen aus dem Bolschoi-Theater geworben, Ballett der klassischen Sorte, mit Spitzentanz und Strumpfhose für die Männer.

Zuletzt war ich dem Bolschoi-Theater ebenfalls im Kino begegnet, in dem Film „Red Sparrow“, einer Spionagegeschichte aus den Zeiten des Kalten Krieges mit Jennifer Lawrence als Tänzerin in der Hauptrolle. Ich sah ihn unter freiem Himmel auf dem obersten Deck eines Parkhauses in Luanda, der Hauptstadt von Angola. Dort wurde kaltes Heineken serviert oder das Bier aus der Brauerei der Tochter des Ex-Präsidenten, die als reichste Frau Afrikas gilt, was mit dem Erdöl vor der Küste zu tun hat.

Der Film wurde von DVD abgespielt, die Leinwand war eine wackelige Improvisation, der Ton laut. Ich fragte mich, was wohl die Nachbarn sagen würden, bis ich feststellte, dass es keine gab. Die meisten Hochhäuser ringsherum standen leer, der Erdölpreis war im Keller.

Der Film bot einen reichen Motivschatz aus Schnee, Eis und Schlittschuhen, was in Luanda, wo die Temperaturen selten unter 25 Grad fallen, etwas irritierte. Auf der anderen Seite war der Kalte Krieg nur in wenigen Ländern so heiß wie in Angola, wo er die Form eines Bürgerkriegs angenommen hatte. Der Warschauer Pakt war für die eine Seite, die Nato war für die andere Seite, kubanische Soldaten und südafrikanische Söldner wurden ausgehoben.

Das Gemetzel dauerte 30 Jahre und die angolanische Gesellschaft bezahlte mit Erdöl, Diamanten und Menschenleben. Noch heute sind weite Gebiete des Landes von Minen durchseucht, während sich die Reste der Mauer in Berlin zu Touristenattraktionen gemausert haben.

Auch in diesem Jahr wird der Mauerfall wieder gefeiert werden, 30 Jahre ist es bald her. Wir werden Hans-Dietrich Genscher im Fernsehen sehen, auf dem Balkon der westdeutschen Botschaft in Prag. Er wird den ostdeutschen Flüchtlingen im Garten der Residenz zurufen, er sei gekommen, um ihnen etwas zu sagen, was man aber nicht mehr versteht, weil es im Jubel der Menschen untergeht. Sie waren zu Recht davon ausgegangen, dass sich für eine schlechte Nachricht kein Politiker auf den Balkon stellt.

Über die Gründe für ihre Flucht kann man nur spekulieren: Die einen flohen vor einem repressiven System, die anderen suchten die Freiheit, die nächsten erhofften sich im Westen eine bessere Zukunft. Heute würden sie in AfD- und rechten CDU-Kreisen als Wirtschaftsflüchtlinge verunglimpft, die es auf das Sozialsystem abgesehen haben.

Damals hielt ich Berlin für den Nabel der Welt. Aber im Januar 1990 verschlug es mich nach Freiburg, in den Südwesten des Landes, wo der Alltag einfach weiterging. Die Ereignisse im Osten kommentierte man in der Regel mit den Worten, es möge nicht so viel kosten.

Die Geschichte, weiß ich heute, kennt keinen Nabel, und in Luanda war ich der älteste Zuschauer im Kino. Darum hier die gute Nachricht im Jahr der frohen Kolumne: Der Film hat eine Zukunft, aber vielleicht liegt sie nicht in Deutschland.

Volker Heise ist Filmemacher.

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