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Baumärkte sind ungefähr so sexy wie Beichtstühle.

Kolumne

Große Rätsel der Menschheit

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Manch ein Morgen beginnt mit Fragen wie diesen: Wie kommt eine Schraube in mein Bett? Und warum kann ich mich nicht an den Vorabend erinnern? Die Kolumne.

Eigentlich gehöre ich nicht zu den Leuten, die sich nach Genuss alkoholischer Getränke nicht mehr an Vorgefallenes erinnern können. Der Grund dafür ist genetisch bedingt. Dem Pfälzer ist nämlich die immerwährende Weisheit in die Wiege gelegt, die da lautet „Sauf’ Dich net mehr wie voll“. Also hört er beizeiten mit dem Trinken auf, wobei „beizeiten“ ein dehnbarer Begriff ist.

Erzählte doch unlängst ein Kollege von dem Polizeipräsidenten einer pfälzischen Kleinstadt, mit dem er auf eine Schorle eingekehrt war. Da stutzte der Kollege, war ihm doch nicht bekannt gewesen, dass der Pfälzer unter „Schorle“ ein Halbliterglas versteht, gefüllt mit vier Fünftel Riesling und einem Fünftel Wasser. Er trank wacker auf, worauf der Polizeipräsident eine weitere Schorle orderte.

Der Kollege wandte ein, er müsse noch ein Kraftfahrzeug führen, das ließ der Ordnungshüter jedoch nicht gelten und versicherte: „Erst nach drei Schorle kann man nicht mehr fahren“. Zur Verdeutlichung: Wir reden von insgesamt etwa 1,2 Litern Wein. Doch das nur am Rande.

Ich jedenfalls war noch nie so voll, dass ich mich an nichts mehr erinnern konnte. Auch nicht, als ich mich im Alter von sechzehn Jahren vor dem Pirmasenser Finanzamt übergab, denn immerhin weiß ich das ja noch. Aber auch Verfehlungen dieser Art sind mir nie wieder widerfahren. Bis kürzlich – dachte ich zumindest.

Wie kommt die Schraube ins Bett?

Ich war aufgewacht, hatte geduscht, ging zur Wahl der Garderobe wieder ins Schlafzimmer – und plötzlich sah ich es glitzern. Mitten in meinem Bett funkelte etwas im Strahl der hereinlugenden Morgensonne. Befremdet von der plötzlichen Irritation meines gewohnt trägen Hineinflutschens in den neuen Tag scharrte ich im zerwühlten Linnen und schürfte schließlich ein winziges Schräubchen zutage. Blitzblank, aus edelstem Edelstahl. Wie kam das in mein Bett?

Ich überlegte, was am Abend zuvor gewesen war und kam auf eine Flasche griechischen Weißwein und drei Pfälzer Schorle. Viel, aber eigentlich nicht überviel. Oder doch? Altere ich? Schwächele ich? Ich drängte mich zur Frage aller Fragen: Hatte ich etwa die Nacht mit einer Dame verbracht, die beim geselligen Miteinander eine Schraube verlor? Ist es das, was man „Sex im Alter“ nennt? Ich suchte nach weiteren sachdienlichen Hinweisen, ohne Erfolg. Auch das Laken roch nicht nach Fremdmensch, sondern nur nach mir. Ich grübelte.

Wegen angeborener Ungeschicklichkeit führe ich ein vollkommen handwerkfreies Dasein, Baumärkte finde ich ungefähr so sexy wie Beichtstühle – wie also kam diese verdammte Schraube in mein Bett? Nach einigem quälenden Harren dämmerte es mir. Unlängst hatte ich meinen Zahnarzt beehrt, der fuhrwerkte in meinem Mund herum und murmelte dabei irgendwas von „Schrauben setzen“.

Damit wollte er Implantatlöcher verschließen, damit sich dort bis zu meinem nächsten Besuch kein Unrat ansammelt. Sofort radelte ich los, stand kurz darauf in der Praxis, präsentierte das obskure Objekt, fragte „Das lag in meinem Bett. Kann es sein, dass es in meinen Mund gehört?“ und sorgte damit für sofortige, heitere Ausgelassenheit. Nach deren Abklingen war das Schräubchen rasch wieder in mich gedreht, und ich machte mich auf, das nächste große Rätsel der Menschheit zu lösen.

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