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An der Unglückstelle legen Angehörige im Rahmen der "Nacht der 1000 Lichter" Kerzen nieder.

Loveparade

Die Grenzen der Justiz

Vor sechs Jahren ereignet sich während der Loveparade in Duisburg eine Katastrophe bei der 21 Menschen sterben. Das Landgericht Duisburg hat die Anklageschrift nach zweijähriger Prüfung nicht akzeptiert. Ein Kommentar

Von Barbara A. Cepielik

21 Todesopfer, mehrere Hundert Verletzte – die Loveparade in Duisburg schockte vor sechs Jahren die Welt. Angehörige und Öffentlichkeit warten jedoch bis heute darauf, dass gerichtlich geklärt wird, wie es zu der Katastrophe kommen konnte. Wie so oft bei solchen Tragödien klaffen Wünsche und Hoffnungen einerseits und die Wege der Gerichtsbarkeit andererseits weit auseinander. Angehörige und viele Bürger hätten am liebsten den damaligen Oberbürgermeister Duisburgs, Adolf Sauerland, und den Kopf der Loveparade-Veranstalter, René Schaller, vor Gericht gesehen. Die Staatsanwaltschaft richtete ihre Anklageschrift aber lediglich gegen Rathausmitarbeiter und Männer aus dem Team des Veranstalters. Aus den Kreisen der Polizei gehört niemand dazu.

Das Landgericht Duisburg hat die Anklageschrift nach zweijähriger Prüfung nicht akzeptiert – vor allem das tragende Gutachten eines britischen Panikforschers sei nicht zu gebrauchen, so die Begründung. Nun muss das Oberlandesgericht prüfen, ob das Hauptverfahren doch eröffnet werden kann und muss. Das wird noch einmal Monate dauern.

In Italien – nach dem spektakulären Unglück des Kreuzfahrtschiffes Costa Concordia 2012 – reagierte die Justiz schneller: Ein Jahr nach der Havarie wurde Anklage erhoben, 2015 das Urteil gegen den Kapitän gesprochen.
Opfer und Hinterbliebene erhoffen sich von Prozessen nach tragischen, ja manchmal auch unbegreiflichen tödlichen Unglücken oft mehr, als diese Verfahren moralisch-ethisch leisten können. Viele von ihnen enden aus dieser Sicht unbefriedigend.

Ein Beispiel: Beim ICE-Unglück in Eschede 1998 starben hundert Menschen, 200 wurden verletzt. Unglücksursache war unstrittig ein Raddefekt. Das Verfahren gegen drei Ingenieure endete vor dem Landgericht Lüneburg nach Dutzenden von Verhandlungstagen mit einer Geldauflage von je 10 000 Euro für die drei Männer.

Angehörige, die sich Reue wünschen, die die Tat in ihrem Sinne gesühnt wissen wollen, finden in solchen juristischen Entscheidungen keinen Trost und nur selten den Frieden, den sie sich von einem Urteil erhoffen. Das aber ist nicht in erster Linie die Aufgabe solcher Verfahren.

Juristen, die Hinterbliebene der Loveparade-Opfer vertreten, werben unterdessen für die Einsetzung einer unabhängigen Untersuchungskommission zur Aufklärung der Geschehnisse während der Techno-Party, für den Fall, dass kein Hauptverfahren eröffnet werden sollte. Eine solche Experten-Kommission nach britischem Vorbild könnte in der Lage sein, so sagen sie, Fehler und Pannen zu benennen und zu analysieren.

Den Ansprüchen der Angehörigen, die wissen wollen, wie es zu der Katastrophe kam, könnte so Rechnung getragen werden.

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