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Eine Litfaßsäule mit "Je suis Charlie"-Karikaturen beim Zeitungsverlegerverband in Berlin.
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Eine Litfaßsäule mit "Je suis Charlie"-Karikaturen beim Zeitungsverlegerverband in Berlin.

Terror und Meinungsfreiheit

Die Grenzen der Freiheit

  • Stephan Hebel
    VonStephan Hebel
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Gegen Terror und Pegida, für Freiheit, Demokratie und Vielfalt zu demonstrieren, ist gut und richtig. Aber wer Freiheit leben will, muss auch über ihre Grenzen reden. Nicht aus Angst, sondern aus Überzeugung. Der Leitartikel.

In einem Interview des Hessischen Rundfunks wurden die „FAZ“-Karikaturisten Achim Greser und Heribert Lenz gefragt: „Sind Sie Charlie?“ Als erster antwortete Achim Greser: „Ich bin Achim.“ Dann Heribert Lenz: „Ich nicht.“ Es wäre ein großes Missverständnis, wollte man aus diesen Antworten auf eine Haltung schließen, die es nach dem Anschlag auf die Satiriker von „Charlie Hebdo“ leider auch gegeben hat: Ein Blogger schrieb, wegen „ein paar Soziopathen“ (er meinte Terroristen) müsse er sich noch lange nicht „ganz feste ,solidarisieren‘ mit Leuten, die zweitklassige Karikaturen mit rechtslastigem Inhalt pinseln“.

Das ist, zu Ende gedacht, eine freiheitsfeindliche Haltung. Natürlich kann man „Charlie Hebdo“ und seine teils gezielten Provokationen geschmacklos finden, unangemessen provokativ oder einfach schlecht. Aber wer sich einen Verteidiger der Freiheit nennt, wird sie gerade auch dann verteidigen müssen, wenn es um andere Meinungen geht als die eigene oder auch um „zweitklassige“ Karikaturen. Eine Freiheit, die ich nur denjenigen zugestehe, die mir passen, ist nämlich keine.

Auch darin liegt der Wert der Demonstrationen, bei denen breite politische Bündnisse auf die Straße gingen für „Freiheit, Gleichheit, Geschwisterlichkeit“ (so der Slogan am Montag in Frankfurt): Sie wandten sich sowohl gegen scheinreligiös verbrämten Terror als auch gegen selbst ernannte „Patrioten“, die das Heil der Gesellschaft in der Ausgrenzung von Minderheiten suchen. Sie wandten sich damit auch gegen jene, die Freiheit nur ihren Freunden gewähren wollen. Diese Gemeinsamkeit der anständigen Demokraten ist gut und richtig in einem Moment, in dem die Freiheit – teils buchstäblich – unter Beschuss zu stehen scheint.

Rücksicht ist ein schlechter Ratgeber

All das würden sicher auch Greser und Lenz unterschreiben. Aber ihre Antwort auf die „Je suis Charlie“-Frage deutet auf etwas anderes hin: Wer „die Diversität der Menschen ausdrücklich bejaht“ (so der Frankfurter Aufruf), wird sie nach dem Augenblick der großen Gemeinsamkeit auch wieder leben müssen. Das gemeinsame Bekenntnis zu Freiheit und Vielfalt würde keine haltbare Wirkung entfalten, wenn aus all den „Charlies“ nicht wieder Achims und Heriberts würden, Männer und Frauen, Reiche und Arme, Rechte, Linke, Pazifisten und Nichtpazifisten, Migranten und Biodeutsche, Ungläubige und Gläubige welcher Religion auch immer.

Kurz gesagt: Wer Demokratie, Freiheit und Vielfalt verteidigen will, darf sich nicht darauf beschränken, sich zu ihrem Wert zu bekennen und gegen ihre offenkundigen Feinde zu protestieren. Die eigentliche Arbeit beginnt dann, wenn wir als Gesellschaft immer neu zu bestimmen lernen, welche Freiheit wir meinen, wo sie beginnt und – auch das – wo sie endet.

Michel Houellebecq wurde dieser Tage gefragt, ob bei der Ausübung der Meinungsfreiheit jetzt „mehr Rücksicht“ genommen werden müsse. Seine Antwort: „Keine Rücksicht.“ Recht hat er. Rücksicht ist der schlechteste Ratgeber, Vorsicht im Sinne einer ängstlichen Vorwegnahme möglicher Angriffe auch. Gegen den Vorsatz, sich nichts verbieten zu lassen, ist nichts einzuwenden. Aber Houellebecq hat noch etwas anderes gesagt: „Man kann nicht auf der einen Seite sagen, du bist frei. Auf der anderen: Du musst Verantwortung übernehmen. Das funktioniert nicht.“ Das allerdings ist ein Irrtum.

Mit etwas Abstand von Anschlägen einerseits und fremdenfeindlichem Geschrei andererseits ginge es keineswegs um Rück- oder Vorsicht. Es ginge um die Frage, wie wir mit Freiheit verantwortlich umgehen wollen. Im Angesicht der Bedrohung ist es richtig, schlicht „Freiheit“ zu rufen. Aber irgendwann werden wir den Fanatikern den Rücken zudrehen und uns, aus eigenem Antrieb, über ein paar Dinge verständigen müssen. Dazu gehört es, sich nicht nur die Freiheit, sondern auch die Bestimmung der Grenzen von Freiheit nicht aus der Hand nehmen zu lassen.

Bei den Grenzen der Freiheit geht es nicht um Gesetze, gar Verbote. Die gibt es für extreme Fälle und es wird sie weiter geben. Es geht nicht um das, was uns „erlaubt“ wird – sei es vom Gesetzgeber, sei es von denjenigen, die uns bedrohen. Es geht um das, was wir wollen und was nicht. Aus Angst vor Terror eine Karikatur nicht zu zeichnen, einen Text nicht zu schreiben, eine Ausstellung abzusagen – das wäre ein Sieg der Angst und eine Niederlage der Freiheit. Eine Karikatur, eine Formulierung, eine Ausstellung zu unterlassen, weil sie die selbst gesetzten ethisch-moralischen Grenzen überschreitet; eine herabsetzende Schlagzeile weniger vom Typ „Das alles sollen die Griechen kriegen!“ („Bild“ am Dienstag) – das wäre ebenso ein legitimer Gebrauch der Freiheit wie die entgegengesetzte Entscheidung. Ein verantwortlicher wäre es noch dazu.

Selbstvergewisserung der Gesellschaft, gerne auch Streit über die Freiheit und ihre Grenzen – auch das sollten wir uns nicht verbieten lassen. Erst dann hätten sich die Freiheitsbekundungen der vergangenen Tage wirklich gelohnt.

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