Kolumne

Grauenhaftes Erbe

  • Inge Günther
    vonInge Günther
    schließen

Auschwitz kann sprachlos machen. Aber darf gerade uns, die Nachgeborenen von Tätern, Mitläufern und Wegschauern, nicht verstummen lassen.

Das Brot unterm Kopfkissen der Großmutter. Die Schreie der Eltern im Schlaf. Die Trauer, in der sie oft mit ausdrucksleeren Augen versanken. Gesprächsfetzen, in denen von Kapos und KZs die Rede war. Aufgeschnappte Begriffe, mit denen ihre Kinder nichts anzufangen wussten.

Zu Hause, so war es in vielen Familien von Holocaust-Überlebenden üblich, herrschte Schweigen über das, was ihnen passiert war. Man wollte den Nachwuchs nicht belasten mit der Hölle, der sie entkommen waren. Die sie hinter sich lassen wollten, um ein halbwegs normales Leben führen zu können. Die sie immer wieder einholte mit grauenhaften Flash-backs aus einer Zeit, in der sie Todesängste, Hunger und Qualen erlitten hatten und selbst Zeugen des schlimmsten Menschheitsverbrechens geworden waren.

Erst als Heranwachsender habe er erfahren, warum seine Großmutter sich so merkwürdig verhielt, erzählte mir ein junger Israeli. Sie brauchte das Brot in Griffnähe, um sich in der Nacht, wenn sie aus ihren Alpträumen erwachte, vergewissern zu können, dass die Not vorbei und sie in Sicherheit war vor den Nazischergen.

Über das Unsägliche nicht reden zu können, haben viele aus der zweiten und dritten Generation von Holocaust-Überlebenden als erdrückend geschildert. Nicht wenige, benannt nach geliebten Verwandten, die zuletzt bei der Selektion vor den Gaskammern gesehen worden waren, fühlten sich auch überfordert, anstelle eines anderen zu leben.

Die erlittenen Traumata ihrer Eltern und Großeltern haben sie alle nachhaltig geprägt. Bei den meisten überwiegt das Bedürfnis, als Angehörige die Erinnerung an den Holocaust nun, da die Überlebenden aussterben, wachzuhalten und weiterzugeben.

Und wir, die Deutschen? Wir nehmen Anteil an diesen Schicksalen, medial auf jeden Fall, da sich in wenigen Tagen die Befreiung von Auschwitz zum 75. Mal jährt. Aber wir sind, wenn man so will, auch zweite und dritte Generation – Nachgeborene von Tätern, Mitläufern, Wegschauern.

Wir halten uns unsere Erinnerungskultur zugute, auf das nichts, was einst im deutschen Namen geschah, vergessen wird. Und dennoch blieb in unseren Familiengeschichten allzu viel unter dem Teppich. Trotz der Kräche am Küchentisch, wenn wir, ganz im Geiste der 68er, die Eltern mit bohrenden Fragen konfrontierten. Wieso habt ihr nichts gewusst, als die Juden deportiert wurden?

Wir kamen uns damals fast schon vor wie Nazi-Jäger und wollten uns doch vor allem von „unseren Alten“, die in der Masse mitgeschwommen waren, absetzen. Großer Respekt gebührt jenen, die tatsächlich Schandtaten ihrer Väter aufdeckten. Meist schwand irgendwann unsere Empörung über ausweichende Antworten zugunsten des Familienfriedens dahin.

Daran dachte ich, als kürzlich eine deutsche Freundin ihrem Sohn, der mehr über die Nazis wissen wollte, empfahl, „frag mal die Oma, sie hat die Zeit noch als Kind erlebt“. Eine Idee, die vielleicht auch die Geschichtsstunden hierzulande bereichern könnte.

So wie in Israel, wo in Schulprojekten Achtklässler ihre Großeltern interviewen. Darunter betagte Schoah-Überlebende, die oft erstmals über ihre unter Verschluss gehaltenen Gefühle sprechen. Offenbar fällt es ihnen leichter, sich gegenüber ihren Enkeln zu öffnen.

Ja, Auschwitz kann sprachlos machen. Aber darf gerade uns, die zweite und dritte Generation der Nachgeborenen von Tätern, Mitläufern und Wegschauern, nicht verstummen lassen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare