Analyse

Gottlose Gotteskrieger

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Die al-Shabaab-Milizen verhindern in Somalia Hilfslieferungen an die Hungernden. Das könnte ihnen noch zum Verhängnis werden.

Sie haben zwar nicht die Dürre verursacht, doch sie tun alles, um die Hungersnot am Horn von Afrika zu einer Katastrophe werden zu lassen: die islamistischen Milizengruppen al-Shabaab, die derzeit weite Teile Somalias beherrschen. So verwehren deren Kämpfer westlichen Hilfswerken den Zugang zu ihrem Territorium; über 30 Helfer wurden in den vergangenen drei Jahren umgebracht. Zudem verhindern die Milizionäre mit Gewalt, dass Somalier ihre Heimat verlassen. Gestern wurde sogar die Existenz eines Internierungslagers für gefangene Flüchtlinge in der Nähe der Hauptstadt Mogadischu bekannt. Wem dennoch im Schutz der Nacht die Flucht bis über die Grenze nach Äthiopien oder Kenia gelingt, lässt nichts Gutes an den al-Shabaab-Milizionären. Ihre Führer werden durchweg als fanatische Schreckensherrscher beschrieben.

Das war nicht immer so. Vor fünf Jahren wurden die Islamisten noch als Retter der Nation gefeiert. Als die Union der Islamischen Gerichte (UIC) im August 2006 faktisch die Regierungsgewalt übernahm, kam erstmals seit 15 Jahren wieder Ordnung in den somalischen Chaos-Staat. Die Straßensperren der Wegelagerer verschwanden, die sich meterhoch auftürmenden Abfallberge wurden abgetragen, selbst abends konnte man wieder auf die Straße gehen. Endlich schien die Herrschaft der verhassten Kriegsfürsten gebrochen. Allahu akbar, riefen zehn Millionen Somalier: Allah ist der Größte.

Ihr Ansehen verdankten die Imame der Gemeindearbeit, den Schulen und Gerichtshöfen, die sie in den letzten Jahrzehnten vor allem mit saudi-arabischen Geldern aufgebaut hatten. Sie versuchten auf diese Weise allerdings auch, den Somaliern, die eher der mystischen Glaubensrichtung der Sufi zuneigen, den politischeren Wahhabismus und schließlich den radikalen Dschihadismus näher zu bringen. In der Union der Islamischen Gerichte waren die verschiedenen Lager noch vereint; doch ein langes Leben war dem UIC nicht beschwert.

Den USA und Somalias Nachbar Äthiopien gefiel die Machtergreifung der Gottesmänner nicht. Washington verwies besorgt auf einzelne Al-Kaida-Kämpfer, die unter dem UIC-Dach offenbar Unterschlupf gefunden hatten. Und Äthiopien befürchtete, dass der islamistische Funke auf die muslimische Minderheit im eigenen Land überspringen könnte. Toleriert von der Supermacht USA marschierten äthiopische Truppen Weihnachten 2006 in Somalia ein und verjagten die Islamisten nach blutigen Kämpfen. Der Triumph war jedoch nur von kurzer Dauer. Die Gotteskrieger tauchten in den Untergrund ab, wo sie von einer sympathisierenden Bevölkerung vor den „imperialistischen“ Eindringlingen beschützt wurden.

Äthiopiens Invasion wurde in jeder Hinsicht zum Desaster. Unter anderem führte sie zu einer Radikalisierung der Islamisten: Aus den Trümmern der Union der Islamischen Gerichte ging als stärkste Kraft die militante Harakat Al-Shabaab Al-Mudschaheddin (Bewegung der strebsamen Jugend) hervor, die meist nur al-Shabaab, die Jungs, genannt wird. Sie setzten sich für die Einführung der schärfsten Form der Scharia sowie die Etablierung eines rigorosen Gottesstaates nach dem Vorbild der afghanischen Taliban ein und lockten Hunderte von Mudschaheddin – professionelle Gotteskrieger aus Kenia, dem Jemen, Pakistan oder gar Tschetschenien – ins Land. Als sich Äthiopien nach zwei Jahren frustriert zurückzog, wäre Somalia ganz in die Hände der Heiligen Krieger gefallen, hätte die Afrikanische Union nicht 6?000 ugandische und burundische Soldaten zum Schutz der inzwischen von einem moderaten Islamisten geführten Übergangsregierung geschickt.

Zunächst gelang es al-Shabaab noch, die afrikanischen Soldaten mitsamt der moderaten Übergangsregierung als Marionetten der Imperialisten darzustellen. Doch die Stimmung im Land schlug um, als die zunehmend von ausländischen Kämpfern dominierten „Jungs“ mehrere höchst unpopuläre Selbstmordattentate verübten. Außerdem erwiesen sich die afrikanischen Soldaten als militärisch überraschend erfolgreich: Derzeit stehen sie kurz davor, die Hauptstadt Mogadischu vollends in ihre Gewalt zu bringen. Schließlich wird al-Shabaab gegenwärtig auch von der Dürre entscheidend geschwächt. Dass sie die Menschen nicht vor der Hungersnot bewahrten, könnte sich noch als bedrohlich für die Miliz erweisen.

Schon nehmen unter den „Jungs“ auch die Spannungen zwischen den ausländischen Profi-Kriegern und den heimischen Kämpfern zu. Dabei behielten die Mudschaheddin bislang die Oberhand. Daher musste der somalische al-Shabaab-Sprecher Ali Mohamud Rage seine Einladung an westliche Hilfswerke, ihre Arbeit wieder aufzunehmen, auf Druck der ausländischen Krieger widerrufen. Den global denkenden Dschihadisten scheint es egal zu sein, wie viele Somalier der Dürre im Heiligen Krieg zum Opfer fallen werden – ein Zynismus, der den angeblichen Gottesmännern zum Verhängnis werden könnte.

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