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Präsident Andrzej Duda verzichtete auf jegliches Wort der Versöhnung.

Reparationen an Polen

Das gnädige Vergessen

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Sind die Forderungen der polnischen Regierung nach Reparationszahlungen so viele Jahre nach dem Weltkrieg legitim? Wie soll Deutschland reagieren? Der Leitartikel.

Deutschland mag den Gedenktag 1. September nicht, schließlich fing an jenem Tag der deutsche Staat den verheerendsten Krieg der Weltgeschichte an. Er allein. Sonst niemand. Man umschreibt dieses lästige Datum hierzulande als Friedenstag, maximal als Antikriegstag. Ein paar Kränze hier, eine Rede da – der Form halber.

Aber der Schrecken, der einem Jahr für Jahr am Morgen des 1. September in die Glieder fahren müsste in Erinnerung an den Schrecken, den 18 Millionen deutsche Männer – so viele Soldaten hatte die Wehrmacht – in alle Welt getragen haben, der bleibt aus. Trotz der viel gepriesenen Gedenkkultur ziehen wir kollektiv das gnädige Vergessen vor.

Das geht Frauen und Männern in anderen Ländern anders, vor allem unseren östlichen Nachbarn. Polens Präsident Andrzej Duda und die Premierministerin Beata Szydlo haben an diesem Gedenktag in bisher nicht gekannter Weise die deutsche Schuld an zwei unterschiedlichen Orten thematisiert.

Lästig, sich mit Verbrechen zu beschäftigen

Man kann das als ein Element des nationalistischen Werkes verstehen, mit dem die konservative PiS-Regierung das Land umbaut, die demokratischen Institutionen schwächt, die liberale Politik voriger Regierungen rückgängig macht. Exemplarisch sei an die Justizreform erinnert. Doch ist es zu einfach, die jüngste Reizung in der polnischen Geschichtspolitik allein auf die aktuelle Machttaktik zu reduzieren. Das Problem geht tiefer.

Der Ort, den Präsident Duda für das Gedenken an den für Polen so schrecklichen Tag auswählte, gibt klare Hinweise: Er reiste nach Wielun, östlich von Breslau (Wroclaw). Kennen Sie nicht? Womit wir dem Verständnis des Problems näherkommen. Es ist einfach lästig, sich so genau mit den deutschen Verbrechen zu beschäftigen; es sind zu viele.

Die Stadt Wielun wurde als erste im Zweiten Weltkrieg bombardiert. Noch vor der offiziellen Kriegserklärung fielen Sturzkampfbomber, knackig Stukas genannt, um 4.37 Uhr in der Nacht vom 1. September über sie her. Als Erstes wurde das Krankenhaus zerstört, mit Bordwaffen schossen die Besatzungen auf Flüchtende. 1200 Zivilisten starben. Das polnische Wielun sah am ersten Kriegstag so aus wie deutsche Städte am letzten. 90 Prozent des Zentrums lagen in Trümmern.

Präsident Duda sagte dort, die Welt solle wissen, dass der Weltkrieg in Polen begann. Das ist die Wahrheit. Er verzichtete – wie auch Premierministerin Szydlo auf der Westerplatte – auf jegliches Wort der Versöhnung, wie das früher durchaus üblich war. Durch Unterlassen versendet er das eigentliche für Deutschland beunruhigende Signal.

Bei allem Verständnis für den in Polen so lange andauernden Schmerz und im Wissen, dass die Nachkommen der Täter viel lieber von Zukunft sprechen als die Enkel der Opfer – letztlich schaden die scharfen polnischen Töne beiden. Vor allem kann die von der polnischen Regierung neuerdings wieder vorgetragene Forderung nach Reparationen für erlittene Schäden nicht anders als ein bewusstes Vergiften der Beziehungen verstanden werden.

Sicherlich spielt dabei eine Rolle, dass sich polnische Politikerinnen und Politiker gegen die Kritik an der Aushöhlung des Rechtsstaats wehren und es als Zumutung empfinden, auch nur ein paar Hundert Flüchtlinge aufzunehmen. Doch wissen sich die Konservativen der PiS-Partei in der Reparationsforderung mit fast zwei Dritteln der Bevölkerung einig.

Beide Seiten erleiden Schaden

Viele fragen sich, was nur aus dem freundlichen deutsch-polnischen Verhältnis geworden ist. Es beruhte ganz entscheidend auf diversen völkerrechtlichen Nachkriegsverträgen und der Anerkennung der Tatsache, dass heute ein Drittel des polnischen Territoriums aus ehemals deutschen Gebieten besteht – einschließlich der Stadt Danzig, Ober- und Niederschlesien sowie dem Faktum, dass Hunderttausende vertriebene deutsche Familien nicht mit den Verlusten hadern.

Ohne Anerkennung der Friedensordnung gibt es keine gedeihliche Zukunft für niemanden. Beide Seiten erleiden Schaden – die eine, wenn sie sich allzu besserwisserisch geriert und großmäulig droht, Polen werde eben dann wegen Ungehorsams kein Geld der Europäischen Union mehr bekommen. Die andere, wenn sie sich durch vielfältige, obendrein chancenlose, irrationale Provokationen international isoliert.

Deutsche Politik kann auch 78 Jahre nach dem deutschen Überfall auf Polen mit all seinen Schrecken nicht frei von der Vergangenheit agieren – so betrüblich das für ein derzeit kraftstrotzendes Deutschland sein mag. Das aber bedeutet nicht, jeglicher Zumutung einfach nachzugeben.

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