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Gnade vor Recht als Provokation

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Von: Joachim Frank

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Das Kirchenoberhaupt Papst Franziskus bei seinem Besuch in Kolumbien.
Das Kirchenoberhaupt Papst Franziskus bei seinem Besuch in Kolumbien. © dpa

Franziskus? Besuch in Kolumbien war ein Realitätstest des christlichen Glaubens. Es ging darum, uralte Werte neu wirksam werden zu lassen. Der Leitartikel.

Der Papst auf Reisen. Seit dem Vielfliegerprogramm Johannes Pauls II. (1978 bis 2005) ist das eher eine Randnotiz im Nachrichtenlauf. Für das Selbstverständnis und die Inszenierung des Papsttums dagegen spielen die Visiten in aller Welt eine entscheidende Rolle. Der Vorvorgänger von Papst Franziskus hatte sie sich bis an die Grenzen der körperlichen Belastbarkeit abgerungen. Für Johannes Pauls Nachfolger Benedikt XVI. wiederum war die Sorge, infolge schwindender Kräfte immobil zu werden, 2013 ein wesentlicher Rücktrittsgrund.

Franziskus, der bis Sonntag Kolumbien besuchte, nahm sich nach seiner Wahl 2013 im Bemühen um ein bescheideneres Erscheinungsbild bewusst zurück. Am augenfälligsten und fast schon skurril in Washington, als er 2015 für die Fahrt zum Weißen Haus das Papamobil gegen einen Kleinwagen tauschte.

In diesen Tagen ist die Botschaft eine andere. Das liegt weniger an Franziskus selbst als an der überschwänglichen Begeisterung der überwiegend katholischen Kolumbianer für den Mann aus Rom. Sie hat gewiss damit zu tun, dass die katholische Kirche Kolumbiens, unterstützt vom Vatikan und auch von deutschen Entwicklungshilfeorganisationen wie Adveniat und Misereor, eine Mittlerin des historischen Friedensabkommens zwischen der Regierung und linksgerichteten Rebellenorganisationen war.

Der Jubel für den Papst zeigt, welch eine ungeheure Last nach Jahrzehnten eines grausigen Wütens beider Konfliktparteien von den Menschen genommen ist. Nicht alle Kolumbianer teilen diesen Taumel des Glücks. Das konservative Lager hält die Verbrechen der Farc-Rebellen an der Zivilbevölkerung für zu milde geahndet. Doch im Prozess der Versöhnung war den Beteiligten klar, dass es eines Teilverzichts der Opfer auf Genugtuung bedürfen würde, um eine verfeindete Gesellschaft zu befrieden.

Franziskus' Perspektiven als Politikum

Hier wird die geistliche Zentralperspektive im Pontifikat von Papst Franziskus zum Politikum: Barmherzigkeit geht vor Gerechtigkeit, Gnade vor Recht. Das war und ist eine Provokation. In Kolumbien ist sie der Realitätstest des christlichen Glaubens.

Darüber hinaus beweist insbesondere diese 20. Reise in der viereinhalbjährigen Amtszeit von Papst Franziskus die Vitalität und Modernität der über anderthalb Jahrtausende hinweg entfalteten Doktrin des Papsttums in ihrer Verbindung von Amt und Person. Im Papst als „Stellvertreter Christi“ finden die Menschen – und keineswegs nur gläubige Katholiken – Ursehnsüchte verkörpert, die sich durch die gesamte, heute so gern beschworene „christlich-abendländische Tradition“ ziehen – ungeachtet des häufigen Ungenügens und Scheiterns der real existierenden Kirche an ihren eigenen Ansprüchen: Friede auf Erden; Erlösung von dem Bösen; gleiche Würde eines jeden; Leben in Freiheit.

Es ist leicht, aus einer besonders in unseren Breiten gängigen Religionskritik heraus den „Papsthype“ als Projektion unaufgeklärter Individuen oder als gelenkte Exaltiertheit zur Stabilisierung bestehender politischer und kirchlicher Herrschaftsverhältnisse abzutun. Aber es liegt eben auch eine gehörige Portion an Arroganz und Saturiertheit darin. Als ob – sagen wir – die Kolumbianer halt zu simpel gestrickt, zu wenig gebildet, zu leicht indoktrinierbar wären. Ganz anders als eine säkulare Gesellschaft wie die unsere, die den „religiösen Wahn“ fortschreitend zugunsten einer naturwissenschaftlichen, nüchternen, rationalen Weltsicht und -deutung überwinde.

Seltsam nur, dass eben diese Gesellschaft zugleich mit einem überschießenden Maß an Irrationalität konfrontiert ist, in der zum Beispiel ganze Bevölkerungsgruppen gegeneinander ausgespielt werden und die sozialen Bindekräfte eher schwinden als wachsen. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass die Sozialkritik der deutschen Kirchen in der Flüchtlingskrise zwar lautstark, aber vergleichsweise wenig wirkmächtig ist. Ganz sicher liegt es daran, dass die Institution Kirche viel Kredit verspielt hat und selbst als saturiert, strukturkonservativ und bedacht auf die Macht wahrgenommen wird.

Böswillige Betrachter werden sich nicht vom Gegenteil überzeugen lassen. Die Gutwilligen kann die Kirche im Grunde nur mit der Erich-Kästner-Formel gewinnen: Es gibt nichts Gutes, außer man tut es. In einer gerechten, zeithistorischen Betrachtung freilich wird man den fortschrittlichen Impuls, das gesellschaftliche und politische Reformpotenzial des „Faktors Religion“ nicht von der Hand weisen können – und hier eben auch des Papsttums mit seiner Konkretion in der Person des Amtsträgers.

Es musste offenbar der Pole Karol Wojtyla kommen, um den Kommunismus und den Eisernen Vorhang zu Fall zu bringen. Und es muss heute der Argentinier Jorge Mario Bergoglio sein, um in den geschundenen, zerrissenen und vielfach vom Zerfall bedrohten Gesellschaften Lateinamerikas eine produktive Hoffnung auf Veränderung freizusetzen – und den Willen, das schon Erreichte nicht wieder zu verlieren.

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