Kolumne

Glücklich auf dem Schaukelbrett

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Es gibt in Altenheimen auch schöne Momente - trotz des schlechten Gewissens der Angehörigen und trotz des Pflegenotstands.

Die Hände fest am Seil, die Beine gestreckt, eine alte Frau holt Schwung. Sieht man sich das Foto genauer an, kann man in ihren Mundwinkeln ein leichtes Lächeln entdecken, das womöglich den Spaß an der Bewegung signalisiert. Mein Bruder gibt hinreichend Hilfestellung, aber es scheint, als hätte es dieser nicht bedurft. Klar, ein Schnappschuss. Wir haben das Foto umgehend an Freunde und Verwandte geschickt, einen stärkeren Ausdruck von Lebensfreude gibt es nicht: eine 98-Jährige auf dem Schaukelbrett – glücklich.

Man kann das Foto natürlich auch als Bearbeitung unseres schlechten Gewissens deuten. Es zeigt Aktivitäten, die wir unserer Mutter, die seit fast einem Jahr in einem Pflegewohnheim lebt, eher selten zu bieten haben. Wir besuchen sie, so oft es geht, aber immer, wenn der Moment des Abschieds gekommen ist, sagt sie traurig: Jetzt lasst ihr mich wieder allein. Je nach Stimmungslage hört es sich resigniert an – oder nach unendlicher Geduld. Schon möglich, dass wir Letztere heraushören wollen.

Aber es fällt ihr immer schwerer. Der Versuch, mit ihr gemeinsam fernzusehen, scheitert oft bereits nach ein paar Minuten. Sie kann dem Inhalt der Sendungen kaum noch folgen. Zu schnelle Schnitte, unverständliche Dialoge. In den wacheren Momenten bringt sie ihr Leiden daran zum Ausdruck. „Ich verstehe nicht, worum es geht.“ Umschalten?

Vielleicht läuft ja eine Musiksendung. Gefallen findet sie bisweilen an Tierfilmen, deren Handlungen sie nicht mühsam erschließen muss. Der Kampf der Wildnis und das Spiel der Jungen sind evident. Weitere Erklärungen überflüssig.

Was zählt, ist die reine Gegenwart. Unser Versprechen, bald wiederzukommen, hat für sie kaum noch Geltung. Eine Vorstellung von Morgen ist allenfalls schwach ausgebildet. Termine, die in der Zukunft liegen, bedeuten ihr nichts.

Wenn sie sich trotzdem klaglos der Abschiedsszene fügt, beschleicht mich der Verdacht, dass ihr die Kraft zum Widerspruch fehlt.

Oft, haben uns die Pfleger verraten, legt sie ihren Kopf, auf die verschränkten Arme gestützt, auf die Tischplatte und döst. Der Moment auf der Schaukel ist so gesehen ein Ausdruck reinen Glücks. Den Luftzug, den sie auf der Wange verspürt, scheint sie genüsslich aufzunehmen, als gelte es, ihn für immer zu speichern.

Vor ein paar Monaten hatten wir sie schon aufgegeben. Nach einem Sturz aus dem Bett hatte sie sich die Hüfte gebrochen. Operation, zehn Tage Intensivstation. Sie hatte alles ganz gut überstanden, aber die Nieren spielten plötzlich nicht mehr mit. Die Zumutung, sie auf ihre alten Tage noch zu einer Dialysepatientin zu machen, so hatten wir es gegen die empfohlenen Segnungen der medizinischen Möglichkeiten entschieden, wollten wir ihr ersparen.

Gespräche mit Ärztinnen und Ärzten, der Rat der Krankenschwestern, die Vorlage einer notariell hinterlegten Patientenverfügung – plötzlich nahmen die Nieren wieder ihre Arbeit auf. Das Bild mit der Schaukel erzählt auch die Geschichte eines kleinen, na, ja, Wunders.

Die Berichte vom Pflegenotstand handeln von schlechter Bezahlung, überfordertem Personal und fehlender Würde in unterversorgten Betrieben. Es geht um den Mangel an Zeit, die in dem Bild von der Frau auf der Schaukel für den Moment stillgestellt scheint.

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