Kolumne

Gleichheit als Ausweg

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Immer mehr Menschen tragen ähnliche Schuhe und Klamotten. Werden sie sich also immer gleicher. Und was bedeutet das?

Eigentlich macht mich ja immer stutzig, wenn viele Menschen gleich aussehen, gleich handeln und gleich denken. Meine Abscheu gegenüber Uniformen war vor langer Zeit einer von vielen Gründen, den Wehrdienst zu verweigern.

Nun muss eine Gemeinschaft nicht immer etwas Schlechtes sein, auch nicht der Wunsch, dieser Zusammengehörigkeit Ausdruck zu verleihen. Schuluniformen etwa sind im Prinzip etwas Gutes, weil sie soziale Unterschiede nivellieren sollen. Das klappt halt in der Praxis selten, weil Kinder von Reichen meistens etwas finden wollen, womit sie vor den anderen protzen können.

Statussymbölchen gibt es etliche, und seien es nur Socken ohne Löcher oder Nasen ohne Pickel. Auch Chöre wollen gewiss nicht nach Polen einmarschieren oder ähnlichen Unfug anrichten, wenn sie identisch gekleidet daherkommen.

Dennoch ist mir die Güte des Gesangs wichtiger als die Gleichheit der Gewänder. Und die meisten Fußballfans sind sicherlich netten Charakters, aber wenn sie zu Zigtausenden in den Vereinsfarben Parolen brüllsingen, mag das die Buben auf dem Rasen beflügeln, mir hingegen wird dann komisch. Aber ich muss ja auch nicht kicken.

Abseits meiner zart besaiteten Gefühligkeit behaupte ich aber, dass Uniformität, die ja immer einen Zusammenschluss vieler bedeutet, per se eine Bedrohung eines nicht dazugehörenden Einzelnen bedeutet. Geschichte und Gesellschaft bieten Tausende Beweise für die Richtigkeit dieser These, das beginnt schon im Tierreich. Doch die Vielen müssen nicht automatisch die Schlechten sein.

Wenn etwa am Rande einer Demo ein einzelnes Nazichen auf hundert schwarz vermummte Autonome trifft, hat es hundert gute Gründe, sich vor Bammel in die Hose zu machen. Die hätte es aber auch, wenn seine Kontrahenten lustige Hüte und verschiedenst gefärbte Strampelhöschen trügen. Es gibt ja auch Clowns, die nicht nur lachen machen.

Uniformen wurden ja einmal erfunden, damit Soldaten fremde Menschen totschießen und nicht die heimischen. Eine Friendly-Fire-Vorbeugung sozusagen. Umgekehrt heißt das natürlich, dass man seine Kameraden unbehelligt lässt, sie notfalls gar aus prekären Situationen rettet, etwa aus dem Puff oder aus dem Gefecht.

Was aber, wenn weltweit alle gleich gekleidet wären? Nicht nur Soldaten, sondern alle? Gäbe es dann immerwährende Liebe allerorten? Sollte das so sein, bin ich bester Hoffnung – und die hat drei Streifen und hört auf den Namen Adidas. Oder sie heißt Puma oder Nike oder Reebok.

Schuhe und Klamotten dieser Marken tragen nämlich weltweit fast alle. Entweder echte oder gefälschte, das ist in diesem Zusammenhang egal. Nicht nur das. Sie futtern auch alle bei McDonald’s, kochen mit Nestlé-Suppenwürfeln, schlappen in Flip-Flops oder Sneakern umher, trinken Coca-Cola und Red Bull, quatschen in Handys von Samsung, lachen über etwas von Walt Disney und so weiter.

Kraft der Globalisierung tun das ja schon fast alle, mit steigender Tendenz. Immer mehr werden sich also immer gleicher. Was bedeutet das? Sollte das eine nie für möglich gehaltene Auswirkung des globalen Handels sein? Sollten diese Weltkonzerne doch für etwas gut sein? Sorry, aber man darf doch wohl mal ein bisschen träumen dürfen in diesen beschissenen Zeiten.

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