Gastbeitrag

Gleichberechtigung kommt nicht von allein

Die EU-Kommission wird mit weiteren Förderprogrammen dabei helfen, dass die Arbeit von Frauen an Unis angemessen Gastbhonoriert werden.

Zum Weltfrauentag 2019 rückt die Kommission die Lage von Frauen in Wissenschaft und Forschung in den Fokus. Vor 20 Jahren hat die Europäische Kommission ihre erste politische Agenda zur Förderung von Frauen in der Wissenschaft vorgestellt. Seit den Pionierjahren von Wissenschaftlerinnen wie Marie Sklodowska Curie und Rita Levi-Montalcini haben wir einen langen Weg zurückgelegt.

Heute werden europäische Universitäten von mehr Frauen als Männern besucht, und die Zahl der jungen Frauen, die sich für Naturwissenschaften, Technik und Mathematik entscheiden, wächst langsam. Sie sind jedoch nach wie vor deutlich unterrepräsentiert und ihr Potenzial wird nicht gänzlich erkannt und gefördert.

Die sogenannten She Figures, die die Kommission in einem Bericht sammelt, zeichnen ein Bild von der Gleichberechtigung im Bereich Forschung und Innovation. Seit 2003 ist dies die umfangreichste statistische Datensammlung zu Frauen in der Wissenschaft in Europa. Alle drei Jahre erscheint eine neue Ausgabe. Zum Internationalen Frauentag stellen wir die aktuelle Ausgabe vor.

Die She Figures zeigen zwar eine allgemeine Verbesserung. In Bezug auf Doktoranden haben wir praktisch ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Männern und Frauen erreicht. Weiter oben auf der wissenschaftlichen Karriereleiter begegnen uns jedoch immer noch mehr Männer als Frauen. Nur ein Drittel der europäischen Forscher sind Frauen und Frauen halten nur knapp ein Viertel der akademischen Spitzenpositionen.

Der Bericht zeigt, dass der Frauenanteil in Deutschland 2015 bei den Promovierten mit 45,2 Prozent knapp unter dem im europäischen Durchschnitt von 47,9 Prozent lag. Der Anteil von Wissenschaftlerinnen in der Hochschulforschung in Deutschland betrug in den Naturwissenschaften 32 Prozent, in den Ingenieurwissenschaften 20 Prozent. Nur in Malta ist der Anteil von Forscherinnen in den Ingenieurwissenschaften mit 13 Prozent noch niedriger.

Wir kommen voran, aber nicht schnell genug. Wenn wir das Tempo der letzten Jahrzehnte beibehalten, werden wir die Gleichstellung in der Hochschulleitung erst 2067 erreicht haben. Die Gehaltslücke zwischen Männern und Frauen werden wir bei dieser Geschwindigkeit allerdings erst im Jahr 2149 geschlossen haben – in 130 Jahren!

Bislang haben sich viele Maßnahmen auf das Mentoring, die Ausbildung und die Förderung von Frauen konzentriert, ohne etwas an den Strukturen zu ändern. Dies ist sicherlich wertvoll, aber wir müssen mehr tun, um das System zu reparieren. Auch Voreingenommenheit ist immer noch ein reales Problem, wie unzählige Studien in unseren Datenbanken belegen. Identische Lebensläufe werden unterschiedlich beurteilt, weil der Name einer Frau oben steht. Veröffentlichungen von Frauen, die weniger zitiert werden, obwohl sie von vergleichbarer Qualität sind. Bewertungen und Empfehlungen, die weniger positiv ausfallen als bei männlichen Kollegen.

Wir unterstützen die Entwicklung von Gleichstellungsstrategien in Universitäten und Forschungsinstituten. In einigen Instituten und Universitäten liefern diese freiwilligen Maßnahmen auch Ergebnisse. Wo dies nicht der Fall ist, sollten wir ernsthaft Quoten in der Wissenschaft diskutieren, um die langsamen Fortschritte bei der Gleichstellung der Geschlechter in den Führungspositionen von Universitäten und Labors anzugehen. Es ist an der Zeit, nicht mehr darauf zu warten, dass sich die Dinge von selbst ändern.

In unserem aktuellen EU-Forschungsförderprogramm Horizont 2020 sind Chancengleichheit und Gender verankert. Der Artikel zu Gender und Chancengleichheit legt fest, dass Chancengleichheit und die Genderdimension in der Forschung durchgängig in allen Projektstadien berücksichtigt werden. Zudem haben wir uns ein ehrgeiziges Ziel gesetzt: Unsere Entscheidungsgremien müssen mindestens zu 40 Prozent mit Frauen besetzt sein. Ich bin stolz darauf, dass wir dieses Ziel jetzt erreicht haben.

Mit ihrem Vorschlag für das nächste Förderprogramm genannt Horizont Europa, das ab 2021 laufen wird, will die Kommission eine wirksame Förderung der Gleichberechtigung und geschlechtsspezifische Dimensionen in Forschungspublikationen durchsetzen. Besondere Aufmerksamkeit wird auf der balancierten Vertretung von Männern und Frauen in Auswahlausschüssen und Expertengruppen liegen.

Bewusstsein ist der erste Schritt, um das Problem zu beheben. Der zweite, tatsächlich aktiv zu werden. Wir können es uns nicht leisten, länger um den heißen Brei herumzureden, wenn wir die Kluft zwischen den Geschlechtern noch in dieser Generation schließen wollen.

Carlos Moedas ist EU-Kommissar für Forschung, Wissenschaft und Innovation.

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