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Unser Autor wundert sich, dass alle im selben zeitraum Spargel essen. 

Globalisierung

Gleich unterschiedlich

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Wir werden uns also immer gleicher – aber auf unselige Art. Wer trägt schuld daran? Das böse Europa? Die Kolumne. 

Eigentlich ist die Absicht eine hehre. Die Forderung nach der Gleichheit aller Menschen findet sich wörtlich oder sinngemäß in den Statuten nahezu aller demokratischen Staaten wieder. Man denke nur an den Leitsatz der Französischen Republik „Liberté, Egalité, Fraternité“. Klassenunterschiede soll das nivellieren, Wohlstand an alle verteilen und gegenseitigen Respekt gewährleisten.

Ein naives Ansinnen, dem die Realität nie gerecht wurde und auch nie werden wird. So lange es Menschen gibt, werden sie versuchen, sich gegenseitig zu benachteiligen und so Fronten aus Verlierern und Gewinnern schaffen. Das ist sogar innerhalb von Familien der Fall, erst recht also innerhalb von Gesellschaften. Einerseits.

Außer Dunja Hayali tragen Fernsehmoderatorinnen hohe Schuhe

Andererseits ist zu beobachten, wie unsere Lebensumstände tatsächlich immer gleicher werden. Man nehme nur die Autos. Früher erkannte man sofort einen Käfer, eine Ente, einen Jaguar oder einen Rolls Royce. Heute gleichen sich die meisten nicht nur von außen, in ihnen sind sogar identische Teile verbaut, Blinker, Scheiben, Felgen, sogar Motoren.

Supermärkte führen weitgehend die gleichen Waren, teure Markenartikel heißen nur anders, entsprechen aber hundertprozentig billigeren No-name-Produkten. Und schaltet man das Radio ein, tönt einem senderübergreifend ein einlullendes Einheitsgedudel entgegen.

75 Prozent aller Nutzpflanzen werden nicht mehr angebaut, sondern mussten wenigen geschmacklosen, glyphosatgedüngten Neuzüchtungen Platz machen. Die meisten Anziehsachen werden von Kindern oder von dürftig entlohnten Frauen in Unterjochungsländern genäht, egal ob Labelleibchen oder Ramschkram.

Außer Dunja Hayali tragen fast alle Fernsehmoderatorinnen hochhackige Schuhe, mittlerweile nicht mehr nur bei Kommerzsendern, sondern auch bei öffentlich-rechtlichen. Unabhängig von Herkunft und Hautfarbe stieren alle unter 40 unablässig auf ein Smartphone und 90 Prozent aller Lokale, von der Eckkneipe bis zum Edelrestaurant, servieren die gleichen Fertigschmeck-Produkte aus einer Handvoll Fabriken.

Vernetzung riesiger globaler Konzerne

Argentinische Steaks werden weltweit in nahezu jeder Dorfwirtschaft gebrutzelt, Möbel teuer bei einem vermeintlich billigen, zwangsduzenden schwedischen Imperium gekauft und in stunden-, oft sogar tagelanger Arbeit fluchend selbst zusammengeschraubt, und in allen Flugzeugen trinken die Passagiere seit Jahrzehnten Tomatensaft.

Fußgängerzonen sind mit den gleichstupiden Läden bestückt, Michael Jackson wird weltweit geächtet, obwohl er schon immer ein Päderast war, und wie auf Knopfdruck stopfen plötzlich alle zuerst Bärlauch und dann Spargel in sich hinein, während sie sich gegenseitig aufs Widerlichste in den sozialen Netzwerken beschimpfen, um sich dann die Winterstiefel von den Füßen zu reißen und fortan weißkäsigen Gefüßes in Flip-Flops durch die Welt zu watscheln.

Wir werden uns also immer gleicher – auf unsere unselige Art. Wer trägt schuld daran? Das böse Europa? Nein. Es ist die Vernetzung riesiger globaler Konzerne zur Durchsetzung ihrer profitorientierten Interessen – zu Lasten derer, die sich für unglaublich individuell halten und zugleich einer mittelalterlichen Kleinstaaterei hinterherhecheln. Es geht nur gemeinsam. Die Multis machen es vor.

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