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Kolumne

Gift in der Biografie

Richard von Weizsäcker hat stets für eine Kultur des Erinnerns geworben. Doch wie ist es, wenn es um seine Person geht?

Von Ferdos Forudastan

Gern, zu gern möchte man manchmal in die Köpfe anderer Menschen kriechen, will verstehen, wie sie auf die Welt und vor allem auf sich selbst schauen. Zum Beispiel Richard von Weizsäcker: Was bewegt den ehemaligen Bundespräsidenten in diesen Tagen, in denen der Beginn eines furchtbaren Verbrechens sich zum 50. Mal jährt?

Ein halbes Jahrhundert ist es nun her, seit die USA in Vietnam erstmals das Entlaubungsmittel Agent Orange versprühten, um ihrem Kriegsgegner die Deckung zu nehmen. Noch immer leiden Millionen Männer, Frauen und Kinder an den Folgen des jahrelangen Dioxin-Einsatzes. Das hochgradig krebserregende Gift hat nicht nur damals die Gesundheit vieler Vietnamesen und US-Soldaten zerstört; weil es auch das Erbgut schädigt, werden in dem asiatischen Land bis heute schwerbehinderte Babys geboren. Die chemische Waffe lieferte der amerikanische Konzern Dow Chemical, der bei der Produktion von Agent Orange mit dem deutschen Chemieunternehmen Boehringer zusammenarbeitete – die Firma, in der Richard von Weizsäcker in den 60er-Jahren Mitglied der Geschäftsführung war.

Fragen über Fragen

Doch so vollmundig der CDU-Mann später, als Politiker, für das offene Wort stritt, so nachdrücklich er seine Zunft stets aufforderte, Verantwortung zu übernehmen, so gerne er es sich gefallen ließ, dank guter Reden und adeliger Aura zu einer Art Nationalheiligem aufzusteigen: Mit seiner Rolle in dem Dioxin-Skandal setzte er sich öffentlich nie richtig auseinander. Zum Beispiel vor 20 Jahren: Da zeichnete der Spiegel-Reporter Cordt Schnibben in einer glänzend recherchierten Titelgeschichte nach, wie der Boehringer-Konzern auch in der Ära seines Top-Managers von Weizsäcker zuließ, dass eigene Arbeiter in Deutschland beim Kontakt mit dem Supergift sterbenskrank wurden. Außerdem war die Chemiefirma mittelbar an den tausendfachen chemischen Angriffen auf Vietnam beteiligt. Den auch ihn belastenden Artikel konterte das damalige Staatsoberhaupt von Weizsäcker mit wenigen wolkigen Widerworten. Seine Version, das tödliche Treiben Boehringers sei ihm unbekannt gewesen, revidierte der Bundespräsident selbst ein Jahr später nicht. Da ließ der Konzern erkennen, dass man seinerzeit in der Führungsetage sehr wohl von Schäden wusste, die das Dioxin verursachte.

Wohin packt – heute wie damals – ein Mann wie von Weizsäcker das alles? Gerade als Staatsoberhaupt hat er oft und zu Recht für eine Kultur des Erinnerns, auch an die dunklen Momente der eigenen Geschichte geworben. Vergisst er diese Mahnung dann, wenn es um seine Person geht? Verbirgt sich hinter dem soignierten alten Herrn mit dem schlohweißen Haar, den hohen moralischen Ansprüchen und dem Ruf wie Donnerhall ganz einfach ein sehr ehrgeiziger Mensch? Was hat von Weizsäcker gedacht, als deutsche Politiker zurücktreten mussten, weil sie eine Putzfrau schwarz beschäftigten oder Kredite von windigen Lobbyisten annahmen? Ist ihm für Momente in den Sinn gekommen, dass es für ihn keinen geringeren Grund gab, seinen Stuhl zu räumen, weil er zumindest hätte wissen müssen, welche Schuld Boehringer auch zu seiner Zeit dort auf sich lud? Oder freut er sich im Stillen bis heute darüber, dass die Öffentlichkeit ihm nachsah, was sie weniger charismatischen Politikern schwerlich verziehen hätte? Man wird es wohl nie erfahren. Leider.

Ferdos Forudastan ist freie Autorin.

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