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Die Schweizer stimmen am Sonntag darüber ab, wie viel Manager  höchstens verdienen dürfen.
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Die Schweizer stimmen am Sonntag darüber ab, wie viel Manager höchstens verdienen dürfen.

Schweiz Manager Analyse

Die Gier da oben

  • Daniel Baumann
    VonDaniel Baumann
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Die Schweizer stimmen am Sonntag darüber ab, wie viel Manager höchstens verdienen dürfen. Es wird auch Zeit.

Für den Lohn, für den einer nur einen Monat arbeiten muss, soll ein anderer nicht mehr als ein Jahr schuften müssen. Auf diese eingängige Formel lässt sich die 1:12-Initiative bringen, über die am Sonntag die Schweizer Bürger abstimmen. Damit soll das Gehalt des Topverdieners in einem Unternehmen auf das maximal zwölffache des am schlechtesten verdienenden Mitarbeiters begrenzt werden. Denn viele Schweizer haben genug von den Gehaltsexzessen ihrer Topmanager.

Der Chef der Schweizer Großbank Credit Suisse, Brady Dougan, kassierte 2010 umgerechnet etwa 75 Millionen Euro. Die UBS zahlte im vergangenen Jahr den führenden Mitarbeitern Boni in Höhe von 2,1 Milliarden Euro aus, obwohl das Unternehmen im gleichen Zeitraum Verluste in derselben Höhe angehäuft hatte. Bei einer Annahme der Volksinitiative wären die Gehälter von – je nach Studie – 2500 bis 4400 Spitzenverdienern betroffen. Es sieht allerdings nicht so aus, als ob diese sich ernsthaft Sorgen um ihre Einkünfte machen müssten. Laut Umfragen wird die Initiative keine Mehrheit finden.

Längst überfällig

Doch solche Entscheidungen sind längst überfällig – und heilsam. Mit Vehemenz haben die Spitzenmanager der Schweizer Großkonzerne gegen die Initiative gekämpft, nachdem die Schweizer im Sommer bereits die Rechte der Aktionäre bei der Festlegung der Topgehälter gestärkt hatten. Nun fahren die Unternehmen eine Angstkampagne und drohen mit dem Wegzug ins Ausland. Der Nahrungsmittelriese Nestlé hielt seine Mitarbeiter in einem Brief an, genau zu überdenken, welche Folgen ein Ja zu der Initiative für ihre Arbeitsplätze haben könnte. Das hat was von Klassenkampf. Er entlädt sich in der Schweiz innerhalb des politischen Systems – und das Ausland schaut aufmerksam zu.

Denn was in der Schweiz angeprangert wird, ist auch in Deutschland Realität: Gehälter für Spitzenmanager, die sich längst weit von der Realität jedes Arbeitnehmers entfernt haben. Unter Verweis auf die Verantwortung, die ein Manager trage, seine überragende Bedeutung für das Unternehmen und die angebliche Knappheit solcher Spitzenmanager stiegen die Bezüge in den vergangenen Jahren rasant an. Mittlerweile hat sich im öffentlichen Diskurs die Vorstellung, dass ein Topmanager nur für ein Millionengehalt zu bekommen ist, derart verfestigt, dass die Vergangenheit einen verblüffen kann. Denn noch 1997 haben die Lenker der 30 Dax-Konzerne im Durchschnitt umgerechnet etwa 800 000 Euro pro Jahr verdient. 800 000 Euro. Und das ist keine Ewigkeit her. Bayer, BASF, Siemens, Daimler, BMW oder die Deutsche Bank hatten damals scheinbar keine Not, Manager zu finden, die für weniger Geld gute Arbeit gemacht und damit das Fundament dafür gelegt haben, dass diese Konzerne noch heute erfolgreich sind.

Ungebremste Habgier

Heute liegen die Bezüge der Führungskräfte viel höher. Stand das Verhältnis der Vorstandsgehälter deutscher Aktiengesellschaften zur Vergütung ihrer Beschäftigten 1985 noch bei 20:1 – also gar nicht so weit von den Zielen der Schweizer Volksinitiative entfernt – lag es 2011 bei 200:1. VW-Chef Martin Winterkorn erhielt für das vergangene Jahr 17,4 Millionen Euro.

„In der neueren Geschichte findet sich keine Berufsklasse, die mit derart ungebremster Habgier ihrem Drang nach Einkommens- und Vermögenssteigerung nachgegeben hat“, schreibt der renommierte deutsche Historiker Hans-Ulrich Wehler in seinem Buch „Die neue Umverteilung“. Er hält das keineswegs für die Folgen von zugunsten der Topmanager veränderten Marktkräften. Vielmehr gehe es um die Durchsetzung von Machtentscheidungen, die in den kleinen Zirkeln der Vorstände und Aufsichtsräte gefällt werden könnten.

In diesen Gremien sind zwar auch Gewerkschafter vertreten, sie haben bislang aber handzahm die Gehaltserhöhungen mitgetragen. Auf der Kapitalseite wiederum sitzen überwiegend Menschen, die selber ein hohes Gehalt einstreichen oder eng mit einer Welt verbandelt sind, zu der das Jonglieren mit Millionen und Milliarden selbstverständlich ist. Eine Studie der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich zeigte vor zwei Jahren, dass 147 Unternehmen – davon sind die wichtigsten Finanzunternehmen – über ihre Beteiligungen 40 Prozent der 43 000 betrachteten internationalen Unternehmen kontrollierten. Innerhalb dieses Netzwerkes dürften sich über die Jahre sehr konforme Vorstellungen davon herausgebildet haben, wie Unternehmens-chefs zu bezahlen sind.

Moralisch problematisch

Diese Vergütungen sind nicht nur moralisch problematisch. Sie führen in Kombination mit garantierten Rentenzahlungen und Manager-Haftpflichtversicherungen auch dazu, dass Konzernchefs bei Fehlern weich fallen. Damit steigt die Neigung, große Risiken einzugehen, die letztlich zum Schaden des Unternehmens und der Gesellschaft sein können.

Wie aber wären Topmanager so zu vergüten, dass es dem Gerechtigkeitsempfinden der Bevölkerung entspricht? Weil es sich um eine moralische Entscheidung handelt, ist jeder Festlegung der Vorwurf der Willkür inhärent. Deshalb konnten Wirtschaftslobbyisten bislang erfolgreich mit ökonomischen Kriterien argumentieren. Jedoch ist längst offensichtlich geworden, dass sich die Vergütungen der Topmanager eben nicht mehr am Markt bilden. Das aber macht Regulierung erforderlich.

Man kann es wie die Schweizer machen, oder man koppelt die Topgehälter an die Entwicklung der Tarifverdienste auf der Ausgangsbasis von zum Beispiel 1997. Falsch wäre es, nichts zu tun, denn dass einige wenige im Übermaß vom erarbeiteten Wohlstand profitieren, während andere von ihrer Arbeit kaum leben können, schürt gesellschaftliche Unzufriedenheit, die sich irgendwann Bahn brechen wird.

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