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Dieter Hildebrandt 2002 in Berlin.
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Dieter Hildebrandt 2002 in Berlin.

Dieter Hildebrandt

Gibt es noch Kabarettisten?

  • VonJörg Thadeusz
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Wach bleiben muss man, rhetorische Rauflust bewahren, aber auch liebevoll sein. Dann wird aus einem immer noch kein Dieter Hildebrandt. Aber dann macht man immerhin nach, was diesen Mann zu einem so feinen Menschen gemacht hat. Eine Kolumne.

Wer an Liebeskummer erkrankt, den tröstet Kabarett überhaupt nicht. Die verlassene 37-Jährige sieht Dieter Nuhr im Fernsehen und wirft sich sofort wieder schluchzend ins Sofakissen. Nie, nie, nie wird sie einen so attraktiven Mann wie diesen Dieter kennenlernen. Dessen einzige Schwäche sein Vorname ist. Davon ist sie schlimm überzeugt, also durch Kabarett noch trauriger geworden.

Kein Mann, der vor drei Tagen seine Liebste in flagranti ertappte, kann sich an den Parodien von Mathias Richling aufrichten. Stattdessen schreit der Gehörnte den Fernseher an: „Was interessiert mich, wie gut du Angela Merkel nachmachen kannst, du Ochsenfrosch. Die Moni ist weg, buhu!“ Auch in andere Lebenssituationen passt Kabarett nicht. Es ist mir noch nie passiert, dass ich auf einer Strandliege lag und dachte: Schade, dass Urban Priol nicht da ist und mir die Weltlage erklärt.

Unwürdiges Gackern

2011 haben die Deutschen 93,6 Millionen Urlaubsreisen unternommen und dafür insgesamt 61 Milliarden Euro ausgegeben. Es ist also wahrscheinlich, dass viele oft auf schönen Liegen liegen, ohne Urban Priol zu vermissen. Genau genommen fällt mir überhaupt keine Lebenslage ein, in der mir nach Kabarett zumute ist. Ein Fußballspiel geht immer. Oder eine amerikanische Serie. Nach einer ausführlichen Begegnung mit Dieter Hildebrandt war mir auch klar, dass ich viel mehr lesen sollte. Wach bleiben muss ich, rhetorische Rauflust bewahren, aber auch liebevoll sein. Dann wird aus mir immer noch kein Dieter Hildebrandt. Aber ich mache dann immerhin nach, was diesen Mann zu einem so feinen Menschen gemacht hat.

Bisher neige ich aber immer wieder zur Arroganz. Das spricht noch deutlicher gegen einen Abend im Kabarett. Denn viel Kabarett speist sich aus der Überheblichkeit, es gäbe ein unwürdiges Gackern über eine Zote und ein Lachen mit Anspruch. Und wo entzückt man sich denn wohl hochklassig? Natürlich dann, wenn irgendein Mann auf irgendeiner Bühne etwas Herabwürdigendes über einen Christdemokraten sagt.

Haltung zeigen

Ich stand schon dabei, als ein Kabarettist „FDP“ in eine Zuschauergruppe von 400 Menschen rief und ein kraftvolles „Hohoho“ ertönte. Gewiss kein gutes Zeichen für die Freien Demokraten. Aber mir erschloss sich nicht, wann und wie der Kabarettist oder sein Publikum in dieser Situation Haltung gezeigt haben. Denn auch die unterstellen sich der Kleinkünstler und seine Anhänger gerne gegenseitig.

Sie können einem auch leidtun, diese Kabarettisten. Worüber sollen sie sich noch aufregen, wenn sich ein Land genau zu der Schluffi-Republik gewandelt hat, die sie als kabarettistisches Utopia unablässig beschworen haben? In einer Zeit, in der die Atomkraft am Ende und Car-Sharing eine lässige urbane Mode ist. In einer Weltgegend, in der es bei allgemeinem Wohlstand keine äußeren Gefahren, dafür aber unzählige angeblich Ausgebrannte gibt. Wo nicht Soldaten zum Menschenschinder Assad geschickt werden, sondern Spiegel-Redakteure zum Interview. Um die Motive des Massenmörders besser verstehen zu können. Wir sind alle oberfriedlich, oberökologisch und trotz praller Volkswirtschaft oberbescheiden. Dagegen muss einfach abstinken, wer damit berühmt werden will, nur oberschlau zu sein.

Jörg Thadeusz ist RBB-Moderator.

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