1. Startseite
  2. Meinung

Es gibt nur noch entweder/oder

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Volker Heise

Kommentare

Früher flatterten auch gerne mal eine deutsche und eine türkische Fahne nebeneinander.
Früher flatterten auch gerne mal eine deutsche und eine türkische Fahne nebeneinander. © imago/Seeliger

Alle suchen etwas, an dem sie sich festhalten können: das Heimteam, die Nation, der Glaube, die Fahne.

Es gibt keinen Grund, über Fußball zu schreiben. Und über die Europameisterschaft sowieso nicht. In meinem Viertel hängen auch keine Deutschland-Fahnen, aber Berlin-Kreuzberg ist vielleicht nicht repräsentativ. Wer hier eine Fahne aus dem Fenster hängt, gilt gleich als Pegida-Anhänger. Oder hat einen knallharten Migrationshintergrund und will beweisen, dass Integration möglich ist.

Bei der letzten Weltmeisterschaft waren es vor allem türkische Familien, die schwarz-rot-goldene Fahnen hissten, was sie dieses Jahr wohl nicht mehr tun werden. Vor zwei Jahren flatterte auch gerne eine deutsche neben einer türkischen Fahne an den Taxis. Jetzt gibt es nur noch entweder/oder, du musst dich entscheiden. So ist es immer bei Lagerbildung: Der Raum dazwischen geht verloren. Im Krieg stirbt nicht zuerst die Wahrheit, sondern der Kompromiss.

Darum gibt es keinen Grund, über Fußball zu schreiben. Andere Themen sind wichtiger. Zum Beispiel das Parken in der zweiten Reihe. Meistens wird dabei zugleich der Fahrradweg okkupiert und in der Regel sind es Autos von DHL, UPS oder von einem dieser neuen Lieferantendienste, die Lebensmittel bringen oder Pizzas oder Sushi. Neuerdings auch die Lammkoteletts vom süßen Franzosen um die Ecke, bei dem es in den letzten Monaten immer leerer geworden ist, während seine Kasse immer lauter klingelt.

Einmal saßen wir in einem asiatischen Restaurant und warteten zwei Stunden lang auf das Essen, weil dauernd Kuriere von Lieferando, Foodora oder Delivero aufkreuzten, die bevorzugt behandelt wurden. Schon die Namen der Lieferdienste verursachen Schüttelfrost. Als nächstes kommt Bringero oder Musstnichtkochen oder Daheimfressi. Auch die werden in der zweiten Reihe parken.

Überhaupt wird in den Städten immer mehr auf die Straße verlagert. Angefangen hat es mit der Just-in-time-Produktion, bei der die großen Konzerne Geld gespart haben, indem sie ihre Lagerhallen schlossen und sich Rohstoffe und Apparate von den Zulieferern erst dann kommen ließen, wenn sie auch gebraucht wurden.

Seitdem verstopfen immer mehr Lastkraftwagen die Autobahnen und Bundesstraßen, weil sie zu fahrenden Speicherplätzen geworden sind, deren Zuhause das Dazwischen geworden ist. Dabei war das Dazwischen eher eine Domäne der DDR, weil es dort Interflug und Intershop gab – zwei Organisationen, die das Dazwischen schon im Namen führten. Interrail allerdings kam genauso aus dem Westen wie das Internet, über das nicht nur das Essen bestellt wird, sondern auch Bücher und Klamotten und sowieso alles, was nicht niet- und nagelfest ist und in einen Lieferwagen passt. Über das Internet organisieren sich auch die Hooligans in Frankreich, weshalb es noch weniger Grund gibt, über Fußball zu schreiben.

Ja, das Dazwischen ist eine verzwickte Sache: auf der einen Seite wird geliefert, gependelt, gesurft und um den Globus geflogen, was das Zeug hält. Auf der anderen wird nach einem Griff im Universum gesucht, an dem man sich festhalten und zu Hause sein kann: die Heimmannschaft, die Nation, der Glauben, die Fahne. Niemand ist mehr da, wo er ist, aber alle würden gerne bleiben, wo sie sind. Vielleicht gibt es doch gute Gründe, über Fußball zu schreiben.

Volker Heise ist Filmemacher.

Auch interessant

Kommentare