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Es gibt nichts, was es nicht gibt

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Von: Michael Herl

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Während der Fußball-EM sind vielerorts Autos und Balkonen mit Deutschlandfahnen geschmückt.
Während der Fußball-EM sind vielerorts Autos und Balkonen mit Deutschlandfahnen geschmückt. © imago/snapshot

Zur Fußball-EM legen sich wieder alle ins Zeug. Vor allem Supermärkte locken mit unglaublichen Angeboten.

Eigentlich schreibt man ja in einer Kolumne weder einen Pro- noch einen Epilog. Aber nur eigentlich.

Also Prolog: Medienerzeugnisse jedwelcher Art bersten dieser Tage schier vor Berichten über ein paar Fußballspiele in Frankreich. Was also soll man über dieses Ereignis noch Neues schreiben? Nichts. Da ich aber auch irgendwie mitstinken möchte, habe ich einfach mal einiges zusammengetragen, was bislang so zu lesen war. Ich fange nun an.

Fußball-Europameisterschaft in Frankreich. Ein Billigmarkt feiert laut einer Werbeanzeige eine „Fußballparty“. Dafür fährt er „Startelf Schweinenackensteaks“ auf, Gulaschsuppe und Chili con Carne in Ein-Kilo-Dosen namens „Mannschaftstopf“, „Fußballgott Glückskekse“ und „Elf Freunde Rostbratwürste“, elf Stück für 3,33 Euro. Der deutsche Spieler Jerome Boateng lässt aus Angst vor Anschlägen seine Familie nicht zu den Spielen nach Frankreich reisen. Die „Bild“-Zeitung veröffentlicht ein „Schwarz-Rot-Grill-Quiz zur EM“ und erklärt darin, dass nicht ein Stahlhelm „Pate stand für den klassischen Kugelgrill“ sondern eine Boje. Das rheinland-pfälzische Bildungsministerium gibt bekannt, dass am Morgen nach späten Spielen der Deutschen der Schulunterricht später beginnen darf. Von Spielen zum Beispiel der türkischen Mannschaft ist in der Verlautbarung nicht die Rede. Ein anderer Supermarkt hat ein „EM-Knallerpaket“ geschnürt: Eine Tüte „Crusti Croc Paprika Chips“, sechs Flaschen „Perlenbacher Pils“, 1,5 Liter „Freeway Cola“ und eine EM-Autofahne, alles zusammen zu 1,99 Euro. Um das zu erwerben, muss man aber ein Stück aus der „Bild“-Zeitung herausreißen und mitbringen.

Der während der Weltmeisterschaft 1998 von deutschen Rechtsradikalen halbtot geprügelte Polizist Daniel Nivel wird vom DFB zu einem Spiel der deutschen Mannschaft eingeladen. Er kommt. Der Discounter, der die Fußballparty feiert, hat auch Süßigkeiten im Angebot, nämlich „Boateng-Küsse“ in Schwarz-Rot-Gelb, 225 Gramm für 1,49 Euro. Während der Zeit der EM wird die Straßenverkehrsordnung teilweise außer Kraft gesetzt. So wird geduldet, dass unter Alkoholeinfluss stehende Menschen laut schreiend und immerfort hupend stundenlang in Korsos durch die Städte rasen. Verunglückt dabei jemand, kommen Rettungswagen mit Deutschlandfähnchen.

In Frankreich sind mehr als 90 000 Sicherheitskräfte im Einsatz. Es gibt Kontaktlinsen in Deutschland-Farben. Sie sind aber „nicht für Kontaktlinsenträger geeignet“. Jägermeister hat eine Sonder-Edition namens „JM 2016“ auf den Markt gebracht. Der Firmenhirsch prangt dabei auf den Flaggen diverser Nationen. Der Party-Supermarkt bietet auch „Anstoßbier“ an, ein „Helles für Helden“, 18 Halbliterdosen inklusive einer Deutschlandfahne zu 7,99 Euro. Schon am zweiten Tag der EM muss nach Schlägereien am Alten Hafen in Marseille ein Mensch reanimiert werden. Er schwebt in Lebensgefahr. Der Europäische Fußballverband erwartet mit 1,9 Milliarden Euro einen EM-Umsatzrekord.

Epilog: Auch wenn vieles unglaublich klingt, ist das fast alles wahr. Fast. Eine Kleinigkeit habe ich erfunden. Haben Sie sie entdeckt? Richtig. Die Schaumküsse sind nicht nach Boateng benannt, sondern heißen „Heldenküsse“. Ist ja auch so peinlich genug. Ich höre nun auf.

Michael Herl ist Autor und Theatermacher. Herl ist Autor und Theatermacher.

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