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Die Zahl der Morde in Brasilien ist im Vergleich zum Vorjahr um 19 Prozent gesunken. Diese Entwicklung hat allerdings einen hinterfragenswerten Hintergrund. Dabei geht es auch um das Vorgehen der Polizei und des Militärs. Das Foto zeigt einen Polizisten, der einen Bewohner der Favela Borel während eines Protestes nach dem Tod eines 18-jährigen Jungen kontrolliert.

Analyse

Mediale Nachrichtenauswahl und die „ideale“ Nachricht aus Brasilien

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Laut eines neuen Berichts ist die Zahl der Morde in Brasilien im Vergleich zum Vorjahr um 19 Prozent gesunken. Eine gute Nachricht. Eigentlich. Eine Analyse über mediale Nachrichtenauswahl.

In den Medien wird häufiger über negative als über positive Ereignisse berichtet. Negativität ist eines der wichtigsten Auswahlkriterien für Nachrichten. Dies ist kein Ergebnis einer modernen Entwicklung, sondern ein Umstand, der seit Anbeginn des Zeitungswesens besteht. Der Hauptgrund hierfür liegt in evolutionsbiologischen Mechanismen. Über schlechte oder bedrohliche Umstände informiert zu sein, war ursprünglich ein überlebenswichtiger Faktor. Deswegen ist man auch heute noch eher dazu geneigt, einen Artikel zu lesen, der über ein negatives Ereignis berichtet als über ein positives.

Dennoch wird natürlich auch über erfreuliche Ereignisse berichtet. Man möchte ja immerhin auch etwas zum Schmunzeln oder einfach etwas zur Zerstreuung lesen können. Besonders beliebt sind hier Artikel über Tier-Babys. Ganz besonders, wenn es sich um Panda- oder Eisbären handelt. Warum auch immer.

Aktueller Gewaltmonitor: Zahl der Morde in Brasilien deutlich gesunken

Natürlich existieren auch außerhalb des Tier-Sektors erfreuliche Nachrichten, die mitteilenswert sind. So geht aus dem aktuellen Gewaltmonitor, den die Mediengruppe Globo regelmäßig zusammen mit der Universität von São Paulo und dem Forum für öffentliche Sicherheit erstellt, hervor, dass die Gewalt in Brasilien deutlich zurückgegangen ist. Die Zahl der Morde ist im Jahr 2019 im Vergleich zum Vorjahr um ganze 19 Prozent gesunken. Das ist die niedrigste Mordrate seitdem das Forum für öffentliche Sicherheit 2007 mit der Datensammlung begonnen hat. Das ist doch mal eine erfreuliche Nachricht, die wunderbar geeignet ist, um den durch Tod, Verderben und Niedergang geprägten Nachrichten etwas entgegenzusetzen.

Aber die Zahl der im Jahr 2019 begangenen Morde ist immer noch erschreckend hoch. Sie lag bei 41 635 Fällen. Damit bleibt Brasilien eines der gewalttätigsten Länder der Welt. Auch die Gründe für den Rückgang eignen sich nur bedingt für eine erfreuliche Nachricht im klassischen Sinne. Der Rückgang lässt sich nämlich zum großen Teil auf eine neue Machtverteilung im Drogengeschäft zurückführen.

Der Hintergrund: Warum die Nachricht aus Brasilien nicht ganz so erfreulich ist

Zwar hat sich auch die Überwachung und die Kontrolle von inhaftierten Drogen-Chefs sowie die Priorisierung des Themas der öffentlichen Sicherheit und nachhaltiger Sicherheitspolitik verbessert, aber auch dies hat eine nicht zu unterschätzende negative Kehrseite. So sind die brasilianischen Sicherheitskräfte mit ihrem harten Vorgehen selbst für zahlreiche Tote verantwortlich. Allein im Jahr 2018 wurden 6 220 Menschen durch Polizisten getötet. Gemessen an der Einstellung des rechtspopulistischen Präsidenten Jair Bolsonaro, der wiederholt für ein besonders hartes Durchgreifen von Polizei und Militär plädiert, wird diese Zahl wohl auch in den kommenden Jahren kaum zurückgehen. Laut dem Länderbericht der Konrad-Adenauer-Stiftung verzeichnet Brasilien „mehr Todesopfer durch Gewalt als die größten Kriege der 2000er-Jahre“.

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Die Tatsache, dass die Mordrate in Brasilien im Vergleich zum Vorjahr um 19 Prozent gesunken ist, stellt eine erfreuliche Nachricht dar. Sie scheint also gut geeignet, um die vielen negativen Berichte über schreckliche oder beunruhigende Vorkommnisse weltweit um etwas Erfreuliches zu ergänzen. Und das ganz ohne Tierfotos.

Über bedrückende und erfreuliche Berichte und mediale Nachrichtenauswahl

Beim genaueren Blick fügt sie sich jedoch in genau diesen negativen Grundton ein. Denn diese Entwicklung ist auch das Ergebnis hinterfragenswerter Wandlungen und sie ändert nichts an der Tatsache, dass Brasilien nach wie vor eins der gewalttätigsten Länder der Welt bleibt und stellt somit eben doch auch eine negative Meldung dar. Den Mechanismen der Nachrichtenauswahl folgend macht sie das vielleicht zur „idealen“ Nachricht. Ob man sie nun als erfreulich oder bedrückend bewerten mag, ob den Mechanismen der Nachrichtenauswahl voll entsprechend oder nicht, in jedem Fall ist sie mitteilenswert. Und zwar nicht, weil sie ein evolutionsbiologisches Bedürfnis erfüllt oder uns eine Gelegenheit zur Freude gibt, sondern weil sie einen Misstand aufzeigt, der nur eine Änderung erfahren kann, wenn er benannt und wahrgenommen wird.

Zur Wirtschaft Brasiliens: Brasilien hoffte auf Milliarden für die Staatskasse. Doch bei der Auktion für die gigantischen Ölfelder südlich von Rio de Janeiro wollte kaum jemand bieten.

von Astrid Theil

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