Leitartikel

Gewagtes Experiment

  • schließen

Schule kann nach dem Neustart nur gelingen, wenn die Beteiligten Fehler erkennen und beseitigen. Das wird nicht leicht.

In diesen Tagen startet das vielleicht heikelste Unterfangen, dem das deutsche Schulsystem bislang ausgesetzt war: die Wiederaufnahme des Präsenzunterrichts, also das Lehren und Lernen im Klassenraum unter Anwesenheit von Schülerinnen, Schülern und Lehrkräften. Was nach jedem Ferienende selbstverständlich vonstatten gehen würde, gerät unter den Bedingungen einer Pandemie zum gewagten Experiment. Es braucht nicht viel Fantasie, um sich vorstellen zu können, dass dieses Experiment gerade an den Grundschulen die Grenzen des Leistbaren erreicht.

Vor zehn Tagen hat Kanzlerin Angela Merkel mit den Ministerpräsidenten der Länder die schrittweise Schulöffnung beschlossen. Seitdem sind Schulleitungen, Lehrerinnen und Lehrer, Sekretärinnen und Hausmeister im Land unermüdlich dabei, die Voraussetzungen für einen Neustart zu schaffen.

Da müssen Tische gerückt werden, Seifenspender nachgerüstet, Desinfektionsmittel besorgt, Raumkonzepte entworfen, Stundenpläne geschrieben und Einsatzpläne für die Bediensteten erstellt werden. In den Kollegien ist dabei eine Mischung aus Aufbruchsstimmung und banger Erwartung zu spüren.

Eltern sind erleichtert, weil es endlich wieder echten Unterricht geben soll, sie nicht mehr Hausarbeit, Homeoffice und Heimunterricht unter einen Hut bringen müssen. Andere sind enttäuscht, dass ihr Nachwuchs zunächst noch zu Hause bleiben muss. Und wieder andere fürchten um die Gesundheit und das Wohlergehen ihrer Kinder, wenn diese sich wieder von montags bis freitags ins reale Unterrichtsgeschehen stürzen müssen.

Diese Sorgen sind berechtigt. Wird es gelingen, Ansteckungen zu verhindern? Was, wenn ein Kind oder Jugendlicher das Virus nach Hause trägt, vielleicht Angehörige ansteckt? Funktionieren die neuen Stundenpläne, kommen Schüler und Lehrkräfte mit der erforderlichen Klassenteilung zurecht, weil die Gruppen nicht größer als 15 sein sollen? Und werden auch alle wieder beim Stoff mitkommen, nach der langen Auszeit zu Hause?

Es wird nicht alles glatt laufen in den Schulen. Die Herausforderungen, die Corona an alle Beteiligten stellt, sind so neu und groß, dass nicht alles auf Anhieb gelingen kann. Die Schulämter, die Ministerien, die Schulleitungen, Lehrkräfte, Schüler und Eltern: Sie alle werden genau hinsehen müssen, was funktioniert und wo Verbesserungsbedarf besteht. Die Lernkurve, nicht nur bei den Schülerinnen und Schülern, sondern im System Schule, muss steil sein, damit das Experiment Schulstart gelingt. Besondere Bedingungen gelten dabei an den Grundschulen. Die vierten Klassen sollen – wie die Abschlussklassen 9 und 10 an Haupt- und Realschulen oder die Oberstufenschüler am Gymnasium – wieder den Unterricht besuchen. Das gilt seit Freitag nicht für Hessen. Dort hat der Hessische Verwaltungsgerichtshof den geplanten Start für Viertklässler aufgehoben.

Dass nun auch Neun- bis Elfjährige zurück in den Klassenraum beordert werden, ist einer deutschen Besonderheit geschuldet. Nach Klasse vier trennen sich in aller Regel die Wege, wird sortiert, nach Haupt-, Realschülern, Gymnasiasten. Man braucht also eine Entscheidungsgrundlage für den weiteren Bildungsweg.

Wie anders aber als im Getümmel kann man sich den Betrieb an einer Grundschule vorstellen? Lassen sich Jungen und Mädchen davon abhalten, nach Wochen der Trennung den besten Freund oder die beste Freundin zu herzen? Mit ihnen herumzualbern? Auf Abstand zu bleiben? Und falls ja, was bedeutet das für den Unterricht und für das Nervenkostüm jener Lehrkräfte, die die Pausenaufsicht zu führen haben werden? Nach Einschätzung nicht nur vieler Eltern wären die Viertklässler wohl besser noch zu Hause geblieben.

Und doch ist es gut, das Experiment Wiedereröffnung zu wagen. Zu erproben ist, wie Schule unter Corona-Bedingungen organisiert werden kann, in welchem Umfang Präsenzunterricht möglich ist und wo das Lernen zu Hause weitergeführt werden muss. Ziel ist es, möglichst viele Schülerinnen und Schüler wieder an die Schulen zu holen.

Die Erfahrung der letzten Wochen haben gezeigt, dass Fernunterricht noch nicht einmal als Notlösung funktioniert. Zu unterschiedlich sind dafür die Voraussetzungen an den Schulen, bei Lehrkräften, Schülern und in den Familien, nicht nur mit Blick auf die technische Ausstattung, sondern vor allem in Hinsicht auf die Kompetenzen im Umgang mit digitalem Lernen.

Sicher war auch hier die Lernkurve steil, klappte manches besser als befürchtet. Bis Fernunterricht eine zeitweise Alternative zum gemeinsamen Lernen werden kann, braucht es aber mehr als einen Zuschuss an bedürftige Familien zur Anschaffung von Laptop oder Tablet.

Besondere acht wird das Bildungssystem in den nächsten Monaten auf jene haben müssen, die schon vorher abgehängt zu werden drohten. Schüler mit besonderem Förderbedarf, Lernschwache, Kranke, Kinder aus prekären familiären Verhältnissen – sie brauchen die vornehmliche Unterstützung unsere Gesellschaft. Bei aller Diskussion um Für und Wider von Schulöffnung dürfen sie nicht aus dem Blick geraten.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare