Gastbeitrag

Gesundheit muss man studieren

Die Ausbildung in den Heilberufen gehört an die Hochschulen. Deutschland hat hier einen erheblichen Nachholbedarf. Es ist Zeit, das zu ändern.

Die Welt der Gesundheitsversorgung verändert sich täglich. Auf Ärzte, Pflegefachpersonen, Hebammen oder Physiotherapeuten kommen laufend neue Aufgaben zu.

Digitale Transformation oder eine personalisierte Medizin erfordern mehr Fachwissen und vernetztes Denken. Die Zahl der betagten Menschen wächst und damit die Gruppe multimorbider, chronisch kranker Personen. Ihre Versorgung braucht ein Verständnis für komplexe Zusammenhänge und interdisziplinäre Kooperation.

Darüber hinaus vernimmt man immer wieder Rufe nach mehr Qualität bei gleichzeitiger Finanzierbarkeit. Kurz: Die Händchen haltende Krankenschwester ist kein Modell für die zukünftige Versorgung.

Europäische Regelungen haben nun den Gesetzgeber in Deutschland – wenn auch nur halbherzig – veranlasst, die Ausbildung der Hebammen auf Hochschulniveau zu heben. Deutschland ist damit das letzte der 28 EU-Länder, in dem der Beruf akademisiert wird.

Mit der Anhebung des Ausbildungsniveaus werden die Hebammen in Zukunft besser gerüstet sein für die Herausforderungen im Gesundheitswesen. Für die anderen Gesundheitsberufe ändert sich dadurch allerdings nichts: Der Hochschulabschluss ist und bleibt in diesen Berufen auf absehbare Zeit in Deutschland eine Ausnahme.

Zwar bestehen primärqualifizierende Fachhochschul-Angebote für Gesundheitsberufe; dies sind aber Modellstudiengänge, die vorerst nur bis 2021 weiterlaufen. Obwohl der Wissenschaftsrat bereits 2012 die hochschulische Qualifikation der Gesundheitsfachberufe empfohlen hat, fehlt der politische Wille, entsprechende Studiengänge dauerhaft einzurichten.

Eine der großen Chancen der akademischen Qualifikation liegt darin, dass studierte Gesundheitsfachleute die Fähigkeit erlangen, ihre eigenen Therapien zu überprüfen und weiterzuentwickeln: Eines der wichtigsten Merkmale der akademischen Ausbildung ist die Entwicklung von wissenschaftlichen Kompetenzen, um sich kritisch mit bestehenden Therapien und Methoden auseinanderzusetzen, Wirksamkeitsnachweise zu erbringen und die Versorgung effektiver zu gestalten.

In Ländern mit akademisierten Gesundheitsberufen legt beispielswiese die Physiotherapie dank professionsspezifischer Forschung neue Fakten auf den Tisch. Auf Augenhöhe mit der Medizin fordert sie, auf voreilige Operationen zu verzichten. So zeitigt etwa bei Kniebeschwerden die Physiotherapie oft genauso gute Resultate wie ein chirurgischer Eingriff.

Berufsfachschulen können nur schwerlich einen solchen Beitrag zur Professionsentwicklung leisten. Sie vermitteln in der Regel therapeutische Handlungskompetenzen. Hierbei wird auf etabliertes Wissen und Können zurückgegriffen, ohne ein kritisch-reflektierendes Bewusstsein zu schaffen und wissenschaftliche Erkenntnisse zu integrieren. Die Vermittlung von wissenschaftlichen Denk- und Arbeitsweisen fehlt zumeist, ebenso die Orientierung hin zu evidenzbasierter Praxis.

Die Sorge von Bildungs- und Gesundheitspolitikern, akademisch ausgebildete Gesundheitsfachleute würden sich nicht mehr mit Patienten abgeben, ist unbegründet. In der Schweiz und in Österreich sind die Gesundheitsberufe weitgehend akademisiert, und in beiden Ländern arbeiten die Gesundheitsfachleute immer noch mit und am Patienten. Sie wurden durch die Ausbildung an Fachhochschulen nicht „vom Bett weg qualifiziert“.

Die Gesundheitsberufe in Deutschland bleiben im Vergleich zum Ausland unattraktiv, wenn sie weiterhin auf Berufsfachschulniveau unterrichtet werden. Es gibt keine Karrierepfade, viele wissenschaftliche Fragen der Versorgung bleiben ungelöst, da es zu wenig Forschende gibt.

Auch Dozierende fehlen für eine Ausbildung, die den Erfordernissen eines sich rasch wandelnden Gesundheitswesens gewachsen ist. Werden die Gesundheitsberufe nicht akademisiert, gehen Deutschland weiterhin motivierte und talentierte Fachleute verloren, die sich ihre Ausbildung im Ausland holen, dort arbeiten und Karriere machen. Dieser Verlust von Humankapital schlägt über kurz oder lang auf die Qualität der deutschen Gesundheitsversorgung durch.

Der Entscheid, die Hebammen-Ausbildung an die Hochschulen zu verlegen, ist richtig, aber inkonsequent. Die Argumente für diesen Entscheid gelten genauso für die anderen Gesundheitsberufe. Eine Überführung der Modellstudiengänge in einen Routinebetrieb ist deshalb sehr zu wünschen. 

Andreas Gerber-Grote ist Präsident des Vereins zur Förderung der Wissenschaft in den Gesundheitsberufen. Er lehrt an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften das Fach Gesundheit.

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