Kolumne

Die Gesichter der Armut

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Das Elend ist nicht zu übersehen. Obdachlose oder Bettler auf den Straßen der Städte zwingen uns, sich mit ihnen und dem Problem zu beschäftigen.

Die Armut in der Stadt sieht sich nicht ähnlich. Manchmal erkennt man sie an den großen Plastiktüten. Die Leute, die damit unterwegs sind, tragen ordentliche Kleidung. Sie haben es eilig und folgen offenbar einer Route. Bei Papierkörben und Containern stoppen sie und sehen hinein. Viele haben Taschenlampen, so können sie besser erkennen, ob das, was sie suchen, da drinnen zwischen dem Müll zu finden ist: Pfandflaschen. Die kommen in die Tüten. Und weiter. Meistens sind es Männer.

Leute, die darauf achten, sich äußerlich von armseligen Bettlern zu unterscheiden, suchen irgendeinen kleinen Zuverdienst. War das immer so? Waren es schon immer so viele? 25 Cent, 15 Cent, 8 Cent zählt der Pfandautomat zusammen – für ein Glas, ein Dose, eine Flasche. Der Automat nimmt oft nur an, was in dem Geschäft gekauft worden ist, in dem er steht. Wie lange muss jemand für eine Mahlzeit durch Berlin laufen? Dreizehn leere Bierflaschen ergeben nur einen Euro.

Die Armut fällt nicht überall ins Auge. Vor allem in den Großstädten wie in Berlin oder Frankfurt ähneln sich die Bilder. Ein Mann um die dreißig, gutes Gesicht, steht beispielsweise in der Hauptstadt am Dorothea-Schlegel-Platz neben dem Bahnhof Friedrichstraße in einem Hauseingang. Ich weiß nicht, ob er mit dem Becher in seiner Hand um Geld bittet. Er sieht weg, als ich ihn ansehe. Schämt er sich?

Rund um den Alexanderplatz liegt das Elend auf dem Boden, Zusammengesackte, Zugedröhnte, Halbnackte. Gleichgültige Blicke streifen darüber. Am Tauentzien sitzen Bettler in einer Reihe, Passanten sehen an ihnen vorbei, als hielten sich diese Menschen in einer Parallelwelt auf. In Essen umgingen in einer Bankfiliale Kunden einen 83-Jährigen, der nach drei Stürzen bewusstlos auf dem Boden lag. Kameras haben das aufgezeichnet. Sie hätten ihn für einen Obdachlosen gehalten, sagten die Kunden vor Gericht. Sie glaubten, sich nicht kümmern zu müssen und wurden wegen unterlassener Hilfeleistung verurteilt.

Ein Bekannter mit auskömmlichem Einkommen erzählt, dass er Bettlern grundsätzlich nichts gäbe. Ich frage, was das für bescheuerte Grundsätze wären. Er bezieht sich auf die Alkoholsucht der Bettler, die er mit einer Spende doch nur verschlimmere. Franziskus ist anderer Meinung: Wenn Alkohol die letzte, die einzige Freude eines armen Bettlers sei, wie könnte er, der Papst, sich „zum Richter aufspielen und ihm ein Almosen verwehren“? Wenn sich der Bedürftige betrinke, dann tue er das, „weil es keinen anderen Weg für ihn gibt“.

Wo gibt es Zufluchten? Dieter Puhl, Menschenfreund mit Charisma, leitet die Bahnhofsmission am Zoo. Mit Unterstützung der Bahn, des Senats und mit Spenden kümmern sich freiwillige Helfer und sieben Mitarbeiter um Essen, Kleidung, Duschen, Betreuung. Alles klappe mal besser, mal schlechter. „Jeder Tag ist wie ein kleines Wunder.“ Obdachlosigkeit, Altersarmut, Erschöpfung, Demenz stehen vor der Tür.

Viele haben keine Papiere, viele haben vergessen, wer sie einmal waren. Ein Obdachloser bat Dieter Puhl, ihm bei der Beschaffung eines Personalausweises zu helfen. Als das erledigt war, gingen beide zur Sparkasse, um dem Mann ein Konto zu eröffnen. Die Angestellte gab den Namen ein und lachte: Dieser Obdachlose hatte 80 000 Euro auf einem Konto. Er hatte sich Jahrzehnte nicht daran erinnert. Jetzt freute er sich sehr. Aber dann vergaß er es gleich wieder.

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