Wohlstand 

Gesellschaftlichen Wohlstand neu denken

Wirtschaft und Politik konzentrieren sich zu sehr darauf, das BIP zu steigern. Das wird nicht reichen. Wir müssen andere Ziele verfolgen. 

Informationen gelten als Rohstoff moderner Gesellschaften. Bisweilen limitieren wir uns jedoch auf bestimmte Informationen – und verlieren auch die Ziele aus dem Blick. So geschieht dies bei einem der zentralen Ziele der sozialen Marktwirtschaft: der Förderung von Wohlstand.

Es verblüfft, dass ökonomische Modelle, die Wirtschaftsberichte der Bundesregierung oder die volkswirtschaftlichen Rechnungen ohne Berücksichtigung der mit Produktion und Konsum einhergehenden Umweltveränderungen samt entsprechender Indikatoren auskommen. Das Fundament des gesellschaftlichen Wohlstands ist aber nicht nur der Markt und auch nicht nur dessen Dynamik: das Wirtschaftswachstum. Denn das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist in Deutschland nach wie vor das Maß aller Dinge.

Wachstum ist entweder zu wenig und zu schwach oder es ist – wenn ausreichend vorhanden – schon wieder gefährdet. Es muss befeuert werden, mit Konjunkturprogrammen, Staatsschulden und Nullzinsen der Notenbanken. Dieses System verbraucht gerade in kurzer Zeit die natürlichen Rohstoffe der Vergangenheit und die finanziellen Handlungsräume der Zukunft. Es widerlegt die Annahme, dass allein mit Wachsen der gesellschaftliche Wohlstand zu bewahren und zu fördern ist.

Zu kurz kommt die Erkenntnis der zweifachen Externalisierung: Die Folgen von Umweltverbrauch und Umweltbelastung tauchen nicht als „Passiva“ im Bruttoinlandprodukt (BIP) auf, zweitens fließen die natürlichen Reichtümer (Ökosysteme, Biodiversität, Trinkwasser) sowie die Leistungen dieser Ökosysteme nicht als „Aktiva“ ein. Das „Naturkapital“ wird übersehen.

Übersehen wird auch, wie die ökologischen Folgen immer mehr den gesellschaftlichen Wohlstand untergraben. Eine ähnliche Lücke zeigt sich in der Erfassung von „Sozialkapital“, womit Bildung, Gesundheit aber auch sozialer Zusammenhalt und Gerechtigkeit verbunden sind. Trotz langer Perioden des Wachstums ist die Ungleichheit von Einkommen nicht wirklich zurückgegangen.

Solange sich die Auskunft über den Erfolg, den Fortschritt und Wohlstand eines Staates auf Kenngrößen wie das BIP konzentriert, ist dessen Steigerung ein zwangsläufiges Ziel. Der französische Ökonom Serge Latouche hat dafür den Begriff einer „Kolonisierung des Denkens“ gefunden. Wenn wir aber das Wohlstandsziel verfolgen wollen, müssen wir das Denken mit einer erweiterten Sichtweise von gesellschaftlichem Wohlstand entkolonisieren. Deutschland steht hier erst am Anfang. Internationale Organisationen wie die OECD, die Weltbank und Länder wie die Schweiz und Großbritannien sind weiter.

Einen fundierten Impuls, damit Deutschland die Schablone der reinen Wachstumsorientierung verlässt, will der Jahreswohlstandsbericht 2019 setzen. Um eine moderne Wirtschaftsberichterstattung voranzubringen, wird dem BIP ein Set aus je zwei ökonomischen, ökologischen, sozialen und gesellschaftlichen Indikatoren an die Seite gestellt. Dabei ergibt sich ein riskantes Bild.

Geht es so weiter, wird sich die Kluft zwischen unserem ökologischen Fußabdruck und der verfügbaren Biokapazität erst in etwa 100 Jahren schließen. Artenvielfalt und Landschaftsqualität leiden unter Intensivlandwirtschaft, Schadstoffen, die Zersiedlung wirkt sich negativ aus.

Der Anteil der Umweltschutzgüter und -dienstleistungen an der Wertschöpfung ist auf dem tiefsten Stand seit über zehn Jahren. Die Einkommensschere hat sich kaum geschlossen. Bei guter und chancengleicher Bildung geht es nur langsam voran, denn der Anteil der Bildungsausgaben am BIP stagniert und liegt unter dem europäischen Durchschnitt.

Die Basis unseres Wohlstands erodiert, was sich erst bei näherem Hinsehen erschließt. In den Dimensionen Ökologie, Soziales und Ökonomie bleiben die Indikatoren weit von den Zielwerten entfernt. Einige zaghafte Verbesserungen reichen nicht aus, um die längst erforderliche Trendwende einzuleiten. Mit dem Verharren im Status quo riskieren wir – ähnlich wie beim Klimawandel – Kipppunkte zu erreichen, ab denen sich negative Entwicklungen beschleunigen.

Es ist an der Zeit, dass wir über die Fixierung auf Indikatoren quantitativer Wachstumsorientierung hinausschauen und politische Maßnahmen ergreifen, welche das soziale und natürliche Vermögen einer Gesellschaft mit einbeziehen und gleichermaßen fördern.

Kerstin Andreae ist Grünen-Bundestagsabgeordnete und wirtschaftspolitische Sprecherin der Fraktion.

Roland Zieschank ist Projektleiter am Forschungszentrum für Umweltpolitik der Freien Universität (FU) Berlin.

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