Soziale Marktwirtschaft

Gesellschaft 5.0 statt Industrie 4.0

  • schließen

Digitalisierung und Klimawandel zwingen uns dazu, die soziale Marktwirtschaft endlich zu einer ökologischen weiterzuentwickeln. Das Gastbeitrag.

Der Begriff Digitalisierung ist in aller Munde. Gleichzeitig erfordert der Klimawandel die Transformation einzelner Branchen. Das sind zwei große Trends, die Druck auf Wirtschaft und Arbeitsmarkt ausüben werden. Sie werden die Gesellschaft tiefgreifend umkrempeln. Das bietet uns die Chance, an Freiheit und Souveränität zu gewinnen. Dafür ist es allerdings an der Zeit, erstens neu und größer zu denken und zweitens schnell zu handeln.

Die Chancen können wir nur nutzen, wenn wir uns nicht auf das Risiko konzentrieren, dass Arbeitsplätze verloren gehen werden, sondern unser Handeln darauf fokussieren, diese Verluste durch neue Arbeitsplätze wettzumachen. Wie bringen wir Menschen, die ihre alten Jobs verlieren, in neue Jobs? Dafür braucht es Entschlossenheit und den Mut, alte Denkmuster zu überwinden. Die große Chance liegt darin, den gesellschaftlichen Wandel zum zentralen Zukunftsprojekt zu machen.

Die japanische Regierung hat 2017 die „Gesellschaft 5.0“ ausgerufen. Der Begriff steht für ein neues Zeitalter der Vernetzung nach Jägern und Sammlern (1.0), Bauern (2.0), Industriegesellschaft (3.0) und Informationsgesellschaft (4.0). Die Gesellschaft 5.0 unterscheidet sich von der bisherigen Informationsgesellschaft dadurch, dass die Produktion von Wissen aus Informationen nicht mehr nur dem Menschen vorbehalten ist. Künstliche Intelligenz und der Mensch werden sich beide Wissen aneignen und miteinander interagieren und kooperieren – in allen Lebensbereichen weit über das Wirtschaftsleben und die Arbeitswelt hinaus.

Die Veränderungen werden umfassender sein als jene durch die Digitalisierung von Informationen. „Gesellschaft 5.0“ grenzt sich bewusst vom deutschen Begriff „Industrie 4.0“ ab, indem einerseits die Notwendigkeit sozialer Akzeptanz für die Veränderungen und andererseits der Bedarf nach einer stetigen Fortentwicklung etwa von Rechts- und Sozialsystemen betont werden. Es geht um nichts Geringeres, als unsere soziale Marktwirtschaft zu erhalten und sie zu einer ökologisch-sozialen Marktwirtschaft weiterzuentwickeln.

Deutschland steht vor einer neuen sozialen Frage. Es ist nicht trivial, wenn zum Zusammenbauen eines Elektromotors weniger Leute gebraucht werden als bisher für einen Verbrennungsmotor. Es ist keine Kleinigkeit, wenn Vernetzung und Algorithmen Berufsbilder grundlegend verändern, wenn Beschäftigte sich neue Kompetenzen aneignen müssen, um weiter am Arbeitsmarkt teilzuhaben.

Digitalisierung und Transformation sind stetige Prozesse. Es ist unsere Aufgabe, alle mitzunehmen, etwa durch kontinuierliche Weiterbildung. Auch Menschen, die weniger verdienen, müssen sich Weiterbildung leisten und über die dafür nötige Zeit verfügen können. Wir Grüne haben hierfür das Konzept „BildungsZeit Plus“ entwickelt. 

Ebenso streben wir die Umwandlung der Arbeitslosenversicherung in eine umfassende Arbeitsversicherung an, mit Beratung und Qualifizierungsangeboten nach Maß für Beschäftigte und Arbeitslose gleichermaßen. Digitalisierung wird einigen ein höheres Maß an Selbstverwirklichung ermöglichen. Wir müssen sicherstellen, dass deren Selbstverwirklichung nicht zulasten anderer geht. 

Es gibt viele Aufgaben. Wir Grüne haben klare Vorstellungen etwa beim Schutz von Beschäftigten, der Vereinbarkeit von Flexibilität für Arbeitgeber und Beschäftigte, einem Recht auf Home Office und auf Weiterbildung. Die Komplexität und die Tiefe des Wandels erfordern, die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft sicherzustellen. 

Wir müssen beantworten, wie wir das Steuersystem und die sozialen Sicherungssysteme modernisieren und zukunftsfest machen. Unternehmen brauchen Rahmenbedingungen, die es ihnen ermöglichen, nicht „nur“ im internationalen Wettbewerb mitzuhalten, sondern globale Leuchttürme zu werden.

Wir müssen Voraussetzungen dafür schaffen, dass Klimaschutz und ökonomischer Erfolg zusammenkommen – etwa durch verbindliche Ziele samt Planungssicherheit für Branchen wie die Autoindustrie. Wie investieren wir klug in Infrastruktur und Innovationen? Wie entwickeln wir ländliche Räume? Wie sichern wir Technologieoffenheit? Wie gewährleisten wir Datenschutz und Datensouveränität? Wie übertragen wir die Prinzipien unseres Rechts in die digitale Sphäre? 

Diese und andere Fragen müssen wir auf dem Weg in die Gesellschaft 5.0 beantworten. Wenn wir Entwicklungen frühzeitig in Bahnen lenken, die der Gesellschaft nutzen, anstatt sie nur passiv abzuwarten, dann werden wir die Chancen nutzen.

Kerstin Andreae ist Grünen-Bundestagsabgeordnete und Sprecherin für Wirtschaftspolitik ihrer Fraktion. 

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare