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Tomaten. Reif sollten sie schon sein.

Kolumne

Der Geschmack von Tomaten

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Wenn junge Menschen nach Italien fahren, haben sie viel zu erzählen - nicht nur über Liebesäpfel. Die Kolumne.

Eigentlich fing alles ganz vernünftig an. Die halbstarke Tochter einer Bekannten war zum ersten Mal in Italien. Natürlich fragte ich sie sofort, wie ihr denn das Essen geschmeckt habe. „Das ist wirklich cool dort“, begann sie zu antworten, „du bestellst Ketchup und kriegst Tomatensoße.“

Wie war die Soße?

Ich stutzte, denn ich wusste nicht recht, ob sie das so meinte, wie ich es gern verstanden hätte, um mich darüber freuen zu können. Also hakte ich nach: „Und, war sie gut, die Soße?“ „Klar, das ist der Wahnsinn. Du schmeckst total die Tomaten raus.“ Klingt ja sensationell, könnte man nun denken, wenn eine Tomatensoße nach Tomaten schmeckt. Ich aber wusste, was gemeint war, und wähnte die Tochter auf dem rechten Pfad.

Geht doch! Man muss die Kinder nur für ein paar Tage nach Italien schicken, und schon ist Schluss mit dem ganzen Fast-Food-Scheiß. Ich nutzte die Gunst des Moments und erklärte dem Kind noch rasch, dass es weiter unten in Italien, also weiter südlich, Tomaten gebe, die noch mehr nach Tomaten schmecken als die Tomaten, die das Kind in der Soße hatte (natürlich ohne zu wissen, was das für welche waren, doch für Bildung ist jeder Anlass der richtige), dass die Tomaten am Fuße des Vesuvs wachsen und so empfindlich sind, das sie nur mit der Hand geerntet werden können.

Der Barolo wird geöffnet

Die Tochter rollte mit den Augen, doch das tut sie immer, wenn Menschen, die aufgrund ihres unglaublich reichhaltigen Lebenserfahrungsschatzes etwas zu sagen haben, etwas sagen.

Ich hingegen war euphorisiert und hatte bereits im Verlauf meiner Rede eine schöne Flasche Barolo geöffnet. Nun stieß ich mit der Mutter an und fragte die Tochter: „Und sonst? Was gab’s noch?“

Ein Date habe sie gehabt, mit einem Antonio. Die Mutter zuckte, und ich unterbrach das Kind, das offensichtlich bereit gewesen wäre, mehr Details von dem Tête-à-Tête preiszugeben. Danach hatte ich aber gar nicht gefragt. Wie es ist, mit einem jungen Italiener rumzuknutschen, kann ich mir vorstellen.

„Nur Tomatensoße“

„Was gab es noch zu essen?“ hingegen ist doch die weitaus prickelndere Frage. Für mich jedenfalls. Also stellte ich sie. Das Kind hörte daraufhin sofort auf zu kichern und warf seiner Mutter einen jener Blicke zu, die ich hasse, seit ich weiß, dass es Männer und Frauen gibt.

Dann gab es sich höflich und hob notgedrungen an, weiter von seiner Nahrungsaufnahme zu berichten. Damit war es aber schnell vorbei, denn es kam nur: „Keine Ahnung, sonst war da eigentlich nicht viel.“ Ich fragte: „Wie, ihr habt nur Tomatensoße gegessen?“ Sie zischte: „Keine Ahnung. Ja, nur Tomatensoße.“ Ich: „Und wo habt ihr nur Tomatensoße gegessen?“ Sie: „Keine Ahnung. Bei Antonio.“ Ich: „Wie? Bei Antonio? Ist das jetzt die neueste Masche von den Burschen?“ Sie rollte wieder mit den Augen. „Nee, der ist Koch.“

Am Strand mit Burgern

Ich schnellte hoch, stieß erfreut hervor: „Wie, Antonio ist Koch? Ja, sag das doch gleich! Wo kocht er?“ Sie: „Am Strand. Die haben da so einen Laden. Mit Burgern. Und so.“

Bevor ich ohnmächtig werden konnte, vibrierte das Smartphone der Tochter, und sie eilte auf ihr Zimmer. Eine Whatsapp. Von Antonio. Ich saß da und glotzte in den Barolo und überlegte, ob ich mich an seinen Schlieren erfreuen sollte. Da sagte die Mutter: „Das haste nun davon.“

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

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