1. Startseite
  2. Meinung

Beim Ölpreis schließt der Westen die Reihen

Erstellt:

Von: Matthias Koch

Kommentare

Eine Tiefpumpe in der Nähe der Stadt Usinsk, 1500 Kilometer nordöstlich von Moskau. Die Europäische Union und ihre Partner wie die G7 und Australien wollen dem Gegner Russland vorgeben, zu welchem Preis es sein Erdöl auf dem Weltmarkt verkaufen darf.
Eine Tiefpumpe in der Nähe der Stadt Usinsk, 1500 Kilometer nordöstlich von Moskau. Die Europäische Union und ihre Partner wie die G7 und Australien wollen dem Gegner Russland vorgeben, zu welchem Preis es sein Erdöl auf dem Weltmarkt verkaufen darf. © Dmitry Lovetsky/dpa

Der Preisdeckel für russisches Öl ist ein beachtliches machtpolitisches Vitalitätszeichen der Demokratien. Der Leitartikel.

Ein spannender Schlüsselmoment der globalen Energiepolitik ist gekommen. Das heute in Kraft tretende Ölembargo der EU gegen Russland, schon für sich genommen eine historische Zäsur, wird begleitet von einer weiteren weltpolitischen Premiere, dem G7-Plan eines Preisdeckels für russisches Öl.

Auch alte Hasen im internationalen Ölgeschäft sind sich nicht sicher, wie dieser Machtkampf endet. Setzen sich EU und USA durch mit der Idee, Russlands Ölexporte zwar laufen zu lassen, ihnen aber gewisse Grenzen zu setzen? Oder bastelt Wladimir Putin, wie zuvor beim Gas, bereits an neuen Worst-Case-Szenarien, um die Welt zu erschrecken und die Märkte in Turbulenzen zu stürzen? Rational wäre das nicht, politisch wirksam aber schon: Würde Putin seine Ölexporte auch nur vorübergehend vom Markt nehmen, würden die Weltmarktpreise heillos in die Höhe schießen. Eine neue Ölkrise, schlimmer als 1973, wäre die Folge.

Manche sagen, eine solche Demütigung des Westens wünsche Putin sich seit langem. Russland, sanktionserprobt und leidgeprüft, sei bereit, auch eine Weltwirtschaftskrise hinzunehmen, wenn damit nur endlich die Demokratien in die Knie gezwungen würden.

Andere sagen, diesen Weg einzuschlagen, könne Russland sich schlicht nicht leisten, weder ökonomisch noch politisch, erst recht nicht nach den zehn zurückliegenden, für Moskau verlustreichen Kriegsmonaten in der Ukraine.

Jetzt sind Nerven gefragt – und eine differenzierte Betrachtungsweise. Dazu gehört die Feststellung, dass die Preisdeckel-Politik der G7 gar nicht so „zerstörerisch“ ist, wie Moskau es behauptet. Erstens kündet schon die Grenze von 60 Dollar pro Barrel Rohöl von realpolitischer Behutsamkeit. Polen, die baltischen Länder – und natürlich die Ukraine – wollten Russland viel härter anfassen. Zweitens setzt der G7-Deckel ja keineswegs in übergriffiger Weise Preise etwa für Geschäfte zwischen Russland und China fest. Die Demokratien definieren lediglich eine Grenze für die Mitwirkung westlicher Firmen am russischen Ölexport, etwa bei Schiffstransporten und deren Versicherungen.

Eine Debatte darüber hätte spätestens mit Inkrafttreten des Embargos ohnehin begonnen: Ist es in Ordnung, wenn etwa griechische Reedereien sowie britische und deutsche Versicherungen und Rückversicherungen weiter gut verdienen an russischen Ölexporten übers Meer? In diesem Kontext erscheinen die neuen G7-Regeln beinahe als bloße Beschreibung eines ethischen Minimums.

Tatsächlich aber ist der Preisdeckel ein beachtliches machtpolitisches Vitalitätszeichen der Demokratien dieser Erde. 31 Staaten zeigen sich plötzlich bis in operative Details hinein enger verzahnt denn je. Den G7 (Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Japan, Kanada und die USA) sowie den restlichen 23 EU-Staaten schloss sich keck auch Australien an – obwohl Moskau zuvor gegen jeden, der es wagen würde mitzumachen, düstere Drohungen ausgestoßen hatte.

Putin, der bereits der Nato neuen Schwung gegeben hat, fördert nun also auch im Pazifik das Zusammenrücken freier Gesellschaften. Beim Ölpreisdeckel arbeitet jetzt eine weltumspannende Staatengruppe gegen ihn, die mehr als eine Milliarde Menschen auf die Waage bringt und eine unübertroffene ökonomische Potenz. Jeder einzelne G7-Staat, sogar Italien, hat ein höheres Bruttoinlandsprodukt als Russland.

Dies alles wiederum müsste eigentlich auch Opec-Staaten wie Saudi-Arabien zu denken geben. Sind sie gut aufgestellt mit Russland als Partner bei der Kooperations-Plattform „Opec plus“? Nicht erst der globale Trend weg vom Öl wird früher oder später die Macht der Scheichs begrenzen. Schon zuvor werden sie entscheiden müssen, auf welcher Seite sie stehen.

Auch interessant

Kommentare