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Auf Tour durchs durchs ehemalige Weltkriegsgebiet: Emmanuel Macron.

Leitartikel

Geschichte als Politik

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Das Gedenken an das Ende des Ersten Weltkriegs wird zum Schauplatz aktueller Konflikte. Vor allem Frankreichs Präsident macht daraus ein Statement für Europa.

Abgestürzt in den Beliebtheits-Umfragen, scheint Frankreichs Staatschef der Tagespolitik frustriert den Rücken zu kehren. Erst nahm Emmanuel Macron Herbsturlaub, setzte sich mit Gattin Brigitte in die Normandie ab. Am Sonntagabend sah man ihn dann in der Kathedrale von Straßburg. Mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier lauschte er dort einem Friedenskonzert zur Feier des bald 100 Jahre zurückliegenden Endes des Ersten Weltkriegs.

Nun tourt der Staatschef auch noch sechs Tage lang durchs ehemalige Weltkriegsgebiet, bereist die ost- und nordfranzösische Provinz, widmet sich fernab des tagespolitischen Gezänks auf Schlachtfeldern und Kriegsgräberfriedhöfen der Historie.

Doch der Eindruck täuscht. Die Reise in die Kriegsvergangenheit ist von höchster tagespolitischer Aktualität. Wie nach dem fast ein Jahrhundert zurückliegenden Waffenstillstand prägen heute weltweit Ängste das politische Klima, scheinen demokratische Errungenschaften zunehmend zweitrangig, wächst die Neigung zu nationalistischem Rückzug. Eben dies gedenkt der Staatschef in den nächsten Tagen herauszustreichen.

Zumal am nächsten Sonntag will er es tun, dem Jahrestag des Kriegsendes. Vor mehr als 80 Staats- und Regierungschefs wird Macron in Paris dann auch daran erinnern, dass die damals wie heute zu beobachtenden Missstände seinerzeit den Zweiten Weltkrieg heraufbeschworen. Und der Präsident wird dazu aufrufen, Lehren aus der Geschichte zu ziehen, Europa und die internationale Zusammenarbeit zu festigen, nationalen Alleingängen zu entsagen.

Gewiss, Macron hat nicht nur das Wohl der Welt im Blick, sondern auch das eigene. Um ein gutes Ergebnis bei den Ende Mai nächsten Jahres anstehenden Europawahlen geht es ihm schon auch. Indem der Präsident das Kräftemessen zwischen Nationalisten und überzeugten Europäern zur Schicksalsfrage erklärt, reduziert er die EU-Wahlen zu einem Volksentscheid zwischen Marine Le Pens Rechtspopulisten und seiner Partei La République en Marche, weist der am Duell unbeteiligten konservativen und sozialistischen Konkurrenz Nebenrollen zu.

Dass der Präsident die Parallele zwischen den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts und der Gegenwart auch zu Wahlkampfzwecken zieht, ändert indes nichts daran: In der Sache hat er recht.

Eine andere Frage ist, ob Macron Gehör finden wird. Bei US-Präsident Donald Trump, der auf das Recht des Stärkeren setzt, ein starkes Europa nicht will und reihenweise internationale Verträge aufkündigt, wird der Franzose kaum mehr als ein mitleidiges Lächeln hervorrufen. Für Macrons rechtspopulistische Kollegen aus Italien, Österreich, Ungarn oder auch Polen gilt das Gleiche. Sie alle dürften genüsslich zur Kenntnis nehmen, dass der Gastgeber weitgehend alleine dasteht.

Gewiss, da ist auch noch die Bundeskanzlerin. Sie zumindest wird Macron zur Seite stehen, ein „Nie wieder“ anstimmen, ein geeintes Europa als Bollwerk gegen Nationalismus und neuerliche Kriegsgefahr beschwören. Und was die deutsch-französischen Beziehungen betrifft, muss einem ja auch nicht bange sein. Die von Charles de Gaulle und Konrad Adenauer eingeleitete Versöhnung der ehemaligen Kriegsgegner ist besiegelt. Weltweit gibt es keine Nationen, die enger zusammenarbeiten, enger miteinander verflochten sind als Franzosen und Deutsche. Dass Steinmeier am Sonntagabend bei der Ouvertüre der Gedenkfeiern zugegen war und dass Angela Merkel am nächsten Sonntag zum Abschluss das Pariser Forum für den Frieden eröffnen wird, passt ins erfreuliche Bild.

Was freilich die Festigung Europas angeht, ist von Merkel nicht viel zu erhoffen. Kanzlerin auf Abruf ist sie. Schon zu besseren Zeiten brachte sie nicht die Kraft zur europäischen Vision auf. Neue Impulse, kühne Initiativen gar, die den europäischen Gedanken neu beleben könnten, sind von der Deutschen nicht zu erwarten. Und ob die überzeugte Europäerin Annegret Kramp-Karrenbauer das Rennen um die Merkel-Nachfolge für sich entscheidet, ist alles andere als sicher.

Bleibt der Trost, dass der überzeugte Europäer Macron Kurs hält, sich dem Zeitgeist widersetzt, notfalls auch alleine. Ein schwacher Trost.

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