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Ein syrisches Mädchen kurz nach der Ankunft auf der griechischen Insel Lesbos, die sie mit einem Boot erreicht hat. Was mag sie erlebt haben - in der Heimat und auf der Flucht? Die schutzsuchenden Menschen, die zu uns kommen, zwingen uns, über unseren Tellerrand hinauszublicken. Auch das ist ein Geschenk.
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Ein syrisches Mädchen kurz nach der Ankunft auf der griechischen Insel Lesbos, die sie mit einem Boot erreicht hat. Was mag sie erlebt haben - in der Heimat und auf der Flucht? Die schutzsuchenden Menschen, die zu uns kommen, zwingen uns, über unseren Tellerrand hinauszublicken. Auch das ist ein Geschenk.

Migration

Die Geschenke der Flüchtlinge

  • Stephan Hebel
    VonStephan Hebel
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Die Flüchtlinge, die es zu uns schaffen, sind nicht nur Empfänger mancher guten Gaben. Sie schenken auch uns etwas: die Chance, politische Irrtümer zu erkennen und zu korrigieren. Der Leitartikel.

Kennen Sie Finlay? Wir meinen nicht den Hund aus dem Kinderbuch „Jagd auf Finlay und die Fellnasen“, obwohl der Autor Rainer L. Fülling gerade der „Westdeutschen Allgemeinen“ versicherte: „Für mich spielen auch die aktuellen Fragestellungen nach Liebe und Leid, von Flucht und Vertreibung sowie von Asyl und Freundschaft eine gewichtige Rolle.“

Es ist vielmehr aus festlichem Anlass hinzuweisen auf Finlay (fünf) aus dem englischen Örtchen Paulton, der dem Weihnachtsmann schrieb: „Ich hätte gerne einen Roller und ein paar Überraschungen. Könntest du meine Geschenke bitte einem kleinen Jungen aus Syrien geben, der gar nichts hat. In Liebe, Finlay.“ Was mit vollem Recht dazu führte, dass der kleine Niemand (so sein sehr deutscher Nachname) kein Niemand mehr war, sondern ein Medienstar. Die Eltern erfüllten den Wunsch, der ja von ihnen inspiriert gewesen sein dürfte, gern. Sie spendeten die Geschenke an ein Flüchtlingshilfe-Zentrum auf der griechischen Insel Lesbos.

Diese Geschichte steht für die eine Seite, die zählt, wenn es am Tag der Geschenke um die „Flüchtlingskrise“ geht: Nicht nur in Großbritannien, sondern erst recht im Hauptzielland Deutschland „schenken“ viele Menschen den Asylsuchenden Gastfreundschaft, Zeit, warme Kleidung oder eben einen Roller. Vor Ort, „unterhalb“ der oft unappetitlichen politischen Debatten, war die weihnachtliche Botschaft der Nächstenliebe längst angekommen, als auch die Laubbäume noch grünten.

Es wäre naiv, zu ignorieren, dass es auch eine entgegengesetzte Strömung gibt, die von punktueller Skepsis über angstgetriebene Abwehr bis hin zum offenen Rassismus reicht. Aber das Lager derjenigen, die schon aus realistischer Einschätzung der Weltlage einen konstruktiven Umgang mit der Migration bevorzugen, ist doch stärker und stabiler als befürchtet. Von einem „Kippen der Stimmung“, so fasste die Evangelische Kirche jetzt eine eigene Umfrage zusammen, könne keine Rede sein. Das ist gut so, und es dürfte dazu beigetragen haben, dass die Politik nicht ausschließlich in der Tradition der Abschreckung verharrte.

Zwar tat sie leider auch das: Im jüngsten Parteitagsbeschluss rühmt sich die CDU unverhohlen der „größten Verschärfung des Asylrechts seit 20 Jahren“. An der Spitze dieser Partei steht bekanntlich dieselbe Angela Merkel, der große Teile des humanitär denkenden Deutschland jetzt etwas voreilig zu Füßen liegen. Aber richtig ist, auch, dass es noch schlimmer hätte kommen können. Mit dem Beschluss vom September, die Flüchtlinge aus Ungarn hereinzulassen, folgte Merkel immerhin punktuell dem Geist des Rechts auf Asyl. Und in ihrem „Wir schaffen das“ steckt wenigstens ein rhetorisches Zugeständnis an jene, die konstruktiven Umgang mit der Zuwanderung dem sinnlosen Abschotten schon lange vorgezogen haben – auch wenn den Worten noch längst nicht die notwendigen Investitionen folgen.

Aber da wir schon vom Schenken reden: Das hat noch eine andere Seite. Die Geflüchteten, die es bis zu uns schaffen, sind keineswegs nur Empfänger der mehr oder weniger guten Gaben aus Gesellschaft und Politik. Sie haben ihrerseits ein besonderes Präsent mitgebracht.

Damit ist nicht die (trotz allen Konfliktpotenzials) kulturelle Bereicherung gemeint, nicht die Verjüngung unserer Gesellschaft und der damit verbundene wirtschaftliche Gewinn. Geschenkt haben uns die Migranten noch etwas anderes: den nützlichen Zwang, über den Horizont unserer Wellness-Oase hinauszublicken. Sie sind Botschafter der Welt, wie sie wirklich ist. Sie zeigen uns in Nahaufnahme den Skandal, dass wir viel zu lange glaubten, unseren Wohlstand zum großen Teil auf Kosten anderer erhalten zu können statt mit ihnen gemeinsam. Sie sind die Sehhilfe, mit der wir erkennen können, dass Krisen und Kriege mit unserer vergesslichen Lebensweise mehr zu tun haben, als wir wahrhaben wollten. Sie haben uns die zerrissene Welt buchstäblich nahe gebracht.

Es wäre höchste Zeit, dieses Geschenk anzunehmen. Davon allerdings ist womöglich ein großer Teil der Gesellschaft, sicher aber die herrschende Politik noch ungleich weiter entfernt als Damaskus von Berlin. Ja, es gibt Ansätze (schlechte wie gute), akute Konflikte wie den syrischen endlich zu entschärfen. Aber an den strukturellen Ursachen der millionenfachen Migration wird mit verbohrter Konsequenz festgehalten: Wir liefern viel zu viele Waffen. Wir sind mit Militäreinsätzen oft schneller bei der Hand als mit diplomatischen Initiativen. Und wir legen die Lunte an viele Pulverfässer dieser Erde, indem wir zum Beispiel afrikanische Staaten durch aufgezwungene „Freihandelsabkommen“ der Konkurrenz der Stärkeren aussetzen und ihnen damit den Entwicklungspfad verstellen.

Das also ist das Geschenk, das die Verfolgten aus dem „Morgenland“ uns mitgebracht haben: dass wir dieses Versagen besser denn je erkennen und korrigieren können. Diese Gabe liegt leider unbeachtet in einer Ecke des Politikbetriebs. Aber jetzt ist Weihnachten: Packen wir’s aus!

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