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Ein erster Schritt zur gesunden Ernährung: Mehr Gemüse, mehr Obst, weniger Fleisch.

Renate Künast

Das gescheiterte Ernährungssystem

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Wir brauchen die Wende, die wieder die gute, gesunde Ernährung der Menschen und nicht die Gewinne der Konzerne in den Mittelpunkt stellt. Ein Gastbeitrag von Renate Künast.

Die industrielle Revolution hat die Art und Weise wie wir uns ernähren radikal verändert. In den Industrieländern haben sich Ernährungsformen herausgebildet, die vor allem auf stark verarbeiteten Lebensmitteln mit einem hohen Anteil an Zucker, Salz und Fett basieren. Parallel dazu hat das Übergewicht zugenommen: In Deutschland sind zwei Drittel der Männer, die Hälfte der Frauen und ein Viertel der Kinder übergewichtig. Die Folge sind oft Diabetes, Herz-Kreislaufprobleme, Gelenkprobleme, einige Krebsarten oder Demenz.

Zu sagen „wir essen halt falsch“ würde das Problem nicht zutreffend beschreiben, denn die unausgewogene Ernährung vieler Menschen hat strukturelle Gründe. Die Überdosis Zucker wartet auf uns an jeder Ecke, gezuckerte Angebote kommen uns im öffentlichen Raum regelrecht entgegen und drängen sich auf.

Heute hat eine Handvoll internationaler Lebensmittelkonzerne wie etwa Unilever, Nestlé und Coca-Cola die Nahrungsmittelversorgung in ihrer Hand. Zucker haben sie zum bestimmenden Inhaltsstoff gemacht. Nicht nur in den Riegeln, sondern auch als Bestandteil für viele Produkte in denen die Kunden sie gar nicht vermuten.

Besonders für Kinder sind die Verhältnisse alarmierend. Vom Süßwarenhersteller bis zur Fast-Food-Kette wird die frühkindliche Prägung ausgenutzt, damit sich Kinder möglichst für den Rest des Lebens als Kunden an Produkte und Marken binden. Dafür werden die Produkte mit Spielfiguren und Comics kombiniert und machen den Verzehr von Süßigkeiten und Snacks zum schönen Erlebnis. Die Lebensmittelindustrie hat mit riesigen Werbeetats den Konsum von Zucker emotional und kulturell stark aufgeladen, sie überflutet uns mit ihrer Werbung und Propaganda und für gezuckerte Frühstücks-Cerealien müssen selbst Einhörner als Werbeträger herhalten.

Mit Ernährung hat das nichts zu tun. Etwa 30 Prozent der Menschheit sind übergewichtig, zehn Prozent gar adipös. Dabei hungern weltweit noch immer 800 Millionen Menschen, das sind etwa zehn Prozent. Die einen hungern, für die anderen geht es um die Eindämmung des Überflusses. Während die einen hungern betragen die jährlichen Folgekosten von Übergewicht und Adipositas allein für den deutschen Sozial- und Gesundheitsbereich 30 Milliarden Euro – jährlich. Aber das ist längst nicht alles.

Die Industrialisierung hat nicht nur unser Essen verändert, sondern auch unsere Landwirtschaft. Der massive Einsatz von Pestiziden wie Glyphosat schlägt sich nicht nur im Boden und Wasser nieder, wir finden sie auch in unserer Nahrung und in uns selbst wieder. Mittlerweile nehmen wir regelmäßig einen Chemiecocktail zu uns, dessen negative Wirkung auf die Gesundheit der Menschen enorm ist. Die drei großen Agrarchemie-Konzerne haben intensive Lobbyarbeit gemacht und behaupten nun, die Welt könnte sich ohne ihre Produkte nicht ernähren.

Die UN sagt hingegen, die Weltbevölkerung werde sich nur mittels einer Ökologisierung langfristig ernähren können. Eine weitere Technisierung der Landwirtschaft wird noch lange keine gute Ernährung schaffen, aber die Klimakrise, das Artensterben und den Verlust gesunder Böden weiter vorantreiben.

Nochmal: Unser Ernährungssystem ist gescheitert. Was müssen couragiert umsteuern. Dabei dürfen wir die Neuausrichtung nicht in die Hände der Firmen geben, die so massiv vom bestehenden System profitieren. Sie haben wenig Interesse daran, dass wir auf einen Blick sehen können, was wir essen und wie es produziert wurde. Dazu braucht es eine klare Ampelkennzeichnung.

Wir können nur umsteuern, wenn wir klare rechtliche und zeitliche Vorgaben für eine Reduktion von Zucker, Salz und Fett in verarbeiteten Lebensmittel definieren, steuerliche Anreize auf weniger Zucker geben, wenn wir eine Neuausrichtung der Gemeinschaftsverpflegung von Kindergarten bis zum Seniorenheim auf vollwertige und ökologische Produkte vornehmen und eine Stadtentwicklung fördern, die die Ernährung einbezieht. Wir sollen überall im öffentlichen Raum die Möglichkeit haben, gute und gesunde Lebensmittel zu essen.

Die nächsten Schritte sind auch klar: der zeitnahe Ausstieg aus den gefährlichsten Pestiziden, die Gestaltung der Digitalisierung damit sie den Bauern nutzt und die Daten nicht bei den drei Agrarchemieriesen hortet sowie eine Agrarreform, die Qualität statt Masse finanziert.

Wir brauchen eine Ernährungswende, die wieder die gute, gesunde Ernährung der Menschen und nicht die Gewinne der Konzerne in den Mittelpunkt stellt. Alle guten Ratschläge an die Einzelnen nutzen wenig, die Verhältnisse müssen sich ändern. Jetzt.

Renate Künast ist Grünen-Bundestagsabgeordnete und Sprecherin für Ernährungspolitik der Fraktion.

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