Pro: Dienstpflicht für alle

Wer gerne nimmt, soll dem Staat auch etwas geben

  • schließen

Wir entwickeln uns immer mehr zu einer Ego-Gesellschaft. Dabei gibt es genug zu tun für das Gemeinwesen. Nicht nur beim Militär. 

Die CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer hat seit der Übernahme ihres Parteiamtes wenig überzeugt. Die von ihr nun auch als Verteidigungsministerin verfochtene Idee der Einführung einer allgemeinen Dienstpflicht ist allerdings begrüßenswert. Wir könnten eine solche Pflicht gebrauchen.

Das hat zunächst ganz praktische Gründe. So sehen wir eine wachsende Entfremdung der Bundeswehr von der Gesellschaft. Die Truppe verselbständigt sich ein bisschen.

Dieser Entfremdung ließe sich mit einer Dienstpflicht gut begegnen – besser jedenfalls als mit öffentlichen Gelöbnissen, die wie unlängst vor dem Reichstag in Berlin dann sowieso unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden, weil man Protest optisch und akustisch auf Abstand halten will.

Die Aussetzung der Wehrpflicht im Jahr 2011 war aufgrund von Gerechtigkeitslücken zwar unvermeidlich. Denn jahrelang wurde nur ein kleiner Teil der jungen Männer überhaupt noch „gezogen“. Nur hätte man sie nicht aussetzen, sondern in eine allgemeine Dienstpflicht für Männer und Frauen umwandeln sollen.

Wer im Zweifel nicht zur Truppe, sondern karitativ tätig werden will, der trifft auf einen noch größeren Bedarf als bei der Bundeswehr. Schon heute erleben wir einen grassierenden Mangel an Pflegerinnen und Pflegern in Alten- und Pflegeheimen, den Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) neuerdings sogar in Mexiko beheben will. Gelingen dürfte ihm das kaum.

Ohnehin stehen die wirklichen Probleme erst in zehn Jahren bevor, wenn die geburtenstarken Jahrgänge ins Rentenalter kommen. Dann werden in Teilen dramatische Zustände einkehren und ein sehr grundsätzliches Umdenken erfordern. Jeder Mittfünfziger, der eine allgemeine Dienstpflicht ablehnt, sollte sich das gut überlegen – schon aus eigenem Interesse.

Staatspolitische Gründe kommen hinzu. Wir leben in einer zunehmenden Ego-Gesellschaft, die sich im Netz ebenso zeigt wie auf den Straßen. Es gilt die Devise: „Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht.“

Dieses Denken greift längst auch auf das Verhältnis der Bürger zum Staat über. „Die Politik muss liefern“, heißt es da – wie ein Pizzaservice liefern muss, weil man sonst beim nächsten Mal eine andere Nummer wählt.

Die einst selbstverständliche Idee vom Staat als Gemeinwesen, dem man auch etwas geben muss, wenn man etwas nehmen will – dieser Gedanke verschwindet mehr und mehr aus Hirnen und Mündern. Zum Schaden aller.

Eine allgemeine Dienstpflicht allein könnte da gewiss nicht Abhilfe schaffen. Aber einen Beitrag dazu leisten – das könnte sie schon.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare