Seit mehreren Monaten warnen Hilfsorganisationen vor der sich verschlechternden humanitären Lage.
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Seit mehreren Monaten warnen Hilfsorganisationen vor der sich verschlechternden humanitären Lage.

Gastbeitrag

Gerechtigkeit für die Sahelzone

Am Dienstag berät eine Geberkonferenz über die Krise in der Region. Die Interessen der Bevölkerung müssen dabei im Zentrum stehen. Der Gastbeitrag von Marion Lieser, Jan Sebastian Friedrich-Rust, Susanna Krüger, Per Byman und Charlotte Slente.

Die zentrale Sahelzone, die Niger, Burkina Faso und Mali umfasst, ist Schauplatz einer komplexen und sich zunehmend verschärfenden humanitären Krise. Eine Geberkonferenz am 20. Oktober, mitveranstaltet von der Bundesregierung, soll Lösungswege ausloten und finanzielle Unterstützung bereitstellen. Wird sich diese Veranstaltung in die Liste gescheiterter Versuche und unerfüllter Versprechen einreihen oder die Situation der notleidenden Bevölkerung endlich verbessern?

Seit mehreren Monaten warnen Hilfsorganisationen vor der sich verschlechternden humanitären Lage. Doch unsere Appelle blieben oft ungehört. In der Region benötigen mehr als 13 Millionen Menschen Nothilfe für Nahrung, Unterkunft, Wasser, Gesundheitsversorgung oder Bildung. In Burkina Faso zwang die Gewalt im vergangenen Jahr 82 000 Menschen zur Flucht. Die Gewalt trifft insbesondere Kinder; 50 Prozent der Menschen in der Region sind unter 15 Jahre alt. 6,6 Millionen leiden zudem unter schweren Formen der Unterernährung.

Die Ursachen für diese Krise sind vielfältig: Neben der Gewalt gegen die Zivilbevölkerung durch verschiedene bewaffnete Gruppen leidet die Region unter wiederkehrenden Dürren und Überschwemmungen infolge der globalen Klimakrise. Hinzu kommen aktuell die Covid-19-Pandemie und die damit verbundenen Einschränkungen, die die ohnehin bestehende Nahrungsmittelkrise verschärfen. Diese Schock-Ereignisse treffen auf vielfältige strukturelle Probleme, insbesondere den mangelnden Zugang zu Trinkwasser, Gesundheitsversorgung und Bildung. In Burkina Faso zum Beispiel flohen die meisten Binnenvertriebenen gerade in jene Gebiete, in denen die Wasserversorgung schon vorher schlecht war.

Hinzu kommt der gewaltbedingt schwierige Zugang in die Konfliktgebiete, was die Unterstützung der Bevölkerung durch humanitäre Hilfe zusätzlich erschwert. Angriffe bewaffneter Gruppen haben die Infrastruktur in vielen Gegenden zerstört und Mitarbeiter*innen staatlicher Einrichtungen in die Flucht getrieben. Zwischen 2015 und 2019 gab es 430 bewaffnete Angriffe, die zur Schließung von fast 4000 Schulen führten. Humanitäre Helfer*innen können nicht ohne Gefahr für Leib und Leben tätig sein. In den vergangenen Monaten haben Zwischenfälle dieser Art zugenommen.

Die Sicherheitslage ist ohne Frage ein großes Problem. Doch die an diesem Konflikt beteiligten Staaten haben sich in den vergangenen fünf Jahren zu sehr auf diesen Aspekt konzentriert und sich zu wenig um eine Verbesserung der sozialen Lage der Bevölkerung gekümmert. Wer diese Krise auf Sicherheitsaspekte reduziert, blendet aus, wie Ungerechtigkeit, Diskriminierung, die ungleiche Verteilung von Ressourcen und die Einschränkung von Rechten die Konflikte in der Region hervorbringen und immer wieder aufs Neue antreiben.

Die Geberkonferenz muss sich diesen Fragen widmen. Sie muss ausreichend finanzielle Mittel für die humanitäre Arbeit in der Region bereitstellen sowie die Interessen und den Schutz der Zivilbevölkerung ins Zentrum aller Anstrengungen rücken.

Doch bislang sind die nötigen humanitären Hilfsmaßnahmen im Schnitt nur zu 39 Prozent finanziert. Um auf den gestiegenen Bedarf und die zunehmende Komplexität dieser Krise angemessen zu reagieren, braucht es eine größere, dauerhaft angelegte und flexiblere Finanzierung. Hierfür gilt es, neue Geber zu gewinnen und die vorhandenen dazu zu bewegen, sich stärker zu engagieren. Zudem müssen sich die Sahelstaaten und die internationalen Entwicklungsorganisationen verpflichten, in den von der Krise betroffenen Gebieten den Zugang zu grundlegenden Diensten wie Wasserversorgung, Gesundheitsversorgung und Bildung zu verbessern.

Die wiederholten Angriffe auf Mitarbeiter*innen humanitärer Organisationen verlangen von den Staaten außerdem entschiedenes Handeln, um das Mandat der humanitären Helfer*innen zu schützen und insbesondere ihren Zugang zu den am stärksten gefährdeten Bevölkerungsgruppen zu gewährleisten, auch in Gebieten außerhalb der staatlichen Kontrolle. Zu dieser Arbeit gehört es, mit allen Akteuren im Dialog zu sein, im Einklang mit dem humanitären Völkerrecht. Dies aber setzt voraus, dass die humanitäre Arbeit von der Bevölkerung und allen Konfliktparteien als neutral, unabhängig und unparteiisch anerkannt wird.

Die Menschen in der Sahelzone brauchen dringend humanitäre Hilfe, Schutz und Gerechtigkeit. Die Geberkonferenz muss dazu einen Beitrag leisten.

Marion Lieser, Geschäftsführende Vorstandsvorsitzende von Oxfam Deutschland e.V.

Jan Sebastian Friedrich-Rust, Geschäftsführer von Aktion gegen den Hunger

Susanna Krüger, Vorstandsvorsitzende von Save the Children Deutschland e.V.

Per Byman, Geschäftsführer von NRC Deutschland

Charlotte Slente, Generalsekretärin des Dänischen Flüchtlingsrats

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